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Gewalt, die aus der Kälte kommt
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Vorwort

"Niemals sollte, wer irgendein Gewissen sich gerettet hat,
den Betroffenen das als Schuld anrechnen, was ihnen zustößt
und das ohne das kompakt Falsche nicht möglich wäre."
(Peter Brückner)

Der Schock der Erfurter Ereignisse sitzt tief. Der gesetzgeberische und politische Aktionismus, der seither betrieben wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir ratlos sind und nicht wirklich wissen, woher die entgrenzte, scheinbar zweckfreie und motivlose Gewalt stammt und wie ihr zu begegnen ist. Bis vor einigen Jahren schien amokartige Gewalt ein amerikanisches Phänomen zu sein. Seit dem Massaker von Bad Reichenhall im November 1999 müssen wir mit Schrecken konstatieren, daß "Amok" auch vor unseren Haustüren stattfindet. Auch beim "erweiterten Suizid" scheint es eine Art "Werther-Effekt" zu geben, der aus der Selbstmordforschung seit langem bekannt ist. Es ist, als hätte die einmal überschrittene Grenze zum Amok eine Art Schleuse geöffnet und ein neues "Modell des Fehlverhaltens" (Georges Devereux) ins Ensemble der Möglichkeiten eingeführt, sich von unerträglichen inneren Spannungen und Konflikten zu befreien. Die unter die "Diktatur der Einschaltquote" (Pierre Bordieu) geratenen Medien leben von Sensationen wie dem Massaker von Erfurt. Es scheinen die giftigen Sekrete der Medien zu sein, die den >Amok-Virus< auf Empfänger übertragen, deren Immunsystem geschwächt ist und die infolgedessen für Ansteckung anfällig sind.

Die Flut an Schreckensnachrichten, die täglich über uns hereinbricht, hat darüber hinaus eine "Normalisierung des Grauens" (Herbert Marcuse) zur Folge. Wir verschlingen unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik, daß wir jede Fähigkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzubüßen drohen. Je deutlicher eine Barbarei zu sehen ist, je mehr Wiederholungen uns präsentiert werden, desto schneller vergessen wir sie. Alles zeigen, alles ausbreiten, alles präsentieren: Dies ist das beste Mittel, um uns gegen das Unglück, von dem die Medien berichten und von dem sie vampiristisch zehren, immun zu machen. Die Fülle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungskapazität kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder. Die Metastasen der Abstumpfung und des Zynismus breiten sich aus und drohen unsere Fähigkeit zu Widerstand und Revolte zu zerstören.

Hinter der hektischen politischen Betriebsamkeit, die staatliche Handlungsfähigkeit demonstrieren und den Bürgern das Gefühl vermitteln soll, es geschähe etwas, das ihnen Schutz vor solchen Gewalttaten gewährt, verschwand die im Stadium unmittelbarer Betroffenheit gelegentlich aufgeworfene Frage nach den gesellschaftlichen Wurzeln neuartiger Gewaltphänomene. Die im Namen des Neoliberalismus weltweit betriebene ökonomisch-soziale Deregulierung scheint mit einer "psychischen Deregulierung" einherzugehen, die jene "inneren Selbstzwangapparaturen" (Norbert Elias) erodieren läßt, die bislang den gesellschaftlichen Verkehr leidlich pazifizierten. Der losgelassene und entfesselte Markt hat zu einem Anwachsen des sozialen "Kältestroms" (Ernst Bloch) geführt, der sich durch alle Schichten des Gesellschaftskörpers hindurchfrißt und schließlich auch die intimen Binnenwelten erfaßt und vergletschert. Die äußere Kälte des Konkurrenz-Universums, in das die Menschen eingespannt sind und in dem sie sich bei Strafe des sozialen Todes behaupten müssen, reproduziert sich im Innern der Menschen als psychische Frigidität, moralische Verwilderung und Indifferenz. Die Gewalt, die uns erschrickt und ratlos macht, ist auch eine, die aus der Kälte kommt, die hinter der glitzernden Fassade der Spaßkultur um sich greift.

Der vorliegende Band vereinigt verschiedene Texte zur Frage der Gewalt in unserem Land. Im Mittelpunkt steht ein längerer Essay mit dem Titel In Erfurt und um Erfurt herum oder: Amok - eine neue Ventilsitte?, der nach dem 11.September und nach Erfurt Fragestellungen neu aufgreift, denen ich in meinem Buch Amok - Kinder der Kälte (Reinbek 2000) nachgegangen bin. Die Rezeptionsgeschichte dieses unter dem Eindruck des Amoklaufs von Bad Reichenhall geschriebenen Buches ist ein Lehrstück über die Kürze der >Halbwertzeit der Betroffenheit<. Als es im April 2000 erschien, war über die Ereignisse von Bad Reichenhall bereits wieder das Gras der Verdrängung und des Vergessens gewachsen. Das Buch wurde von den Medien weitgehend ignoriert und verdankt seine Verbreitung im wesentlichen persönlich ausgesprochenen Empfehlungen von Lesern. Wenn die Süddeutsche Zeitung damals in der These, der Amoklauf werde die kriminelle Physiognomie des >Neuen Zeitalters< prägen, die "sinistre Prophezeiung" eines Buches sah, das "Angst macht", so wird genau das jetzt, da die Erfurter Ereignisse das quasi >auf Eis gelegte< Buch wieder >aufgetaut< haben, als seine "Hell- und Weitsichtigkeit" gelobt.

Der Text nähert sich dem Phänomen Amok und speziell dem Erfurter Amoklauf von zwei Seiten aus. Zum einen soll versucht werden, sich mit den Mitteln einer begrifflich gezügelten Empathie und unter Rückgriff auf meine Erfahrungen als Gefängnispsychologe dem Täter und seiner Lebensgeschichte zu nähern und Hypothesen zur Vorgeschichte der Tat zu entwerfen - soweit das aus der Ferne und unter Rückgriff auf medial kolportierte Informationen möglich ist. Dann werden die gesellschaftlichen Bedingungen benannt, die großflächig Angst und Anomie freisetzen, welche den Nährboden für unterschiedliche Formen von Gewalt bilden. Wenn wir nicht energisch gegensteuern und die wildgewordene Ökonomie in eine neue solidarische Gesellschaftlichkeit einbinden, wird der libidinöse Kitt, der Gesellschaften zusammenhält, weiter bröckeln und die Zukunft wird einer zweckfrei und motivlos erscheinenden Gewalt gehören, deren Extremvariante der Amoklauf darstellt. Noch immer besitzt das Diktum des französischen Rechtsmediziners Lacassagne aus dem Jahr 1893 Gültigkeit: "Die Gesellschaft hat die Verbrecher, die sie verdient."

Auf Wiederholungen aus Amok - Kinder der Kälte habe ich, soweit es ging, verzichtet, an einigen Stellen wird auf das Buch verwiesen, dessen Lektüre sich durch den neuen Text also keineswegs erübrigt. Daß einzelne Formulierungen in den fünf Texten an verschiedenen Stellen wiederkehren, wäre nur um den Preis vermeidbar gewesen, den Gang der Argumentation im jeweiligen Kontext und die separate Lesbarkeit der einzelnen Texte zu zerstören. Ich habe mich dafür entschieden, den essayistisch improvisierenden Texten keinen schwerfälligen wissenschaftlichen Apparat aufzubürden und die laxe, unakademische Zitierweise beizubehalten.

Der Text Amok, Allergie, Idiosynkrasie oder: Von der "Neurose" zur "Soziose", der 2001 in der Zeitschrift psychosozial erschienen ist, greift eine Thematik meines Buches auf, die dort nur angerissen wurde. Er geht der Frage nach, ob die Erscheinungsformen >reinen< Hasses und richtungsloser Gewalt noch im Kontext traditioneller psychologisch-psychiatrischer Konzepte gedeutet werden können. Bereits in den 50er Jahren hatte Günter Anders eine "Ding-Psychologie" gefordert, die dem veränderten Verhältnis zwischen Menschen und Apparaten Rechnung trägt.

Das Massaker von Erfurt darf uns nicht vergessen lassen, daß gleichzeitig andere Gewaltformen existieren, die nicht weniger besorgniserregend sind. Der Pegel rechtsextremer Gewalttaten ist zwar im letzten Jahr gesunken, gleichwohl aber immer noch erschreckend hoch. Die über hundert Todesopfer, die seit der sogenannten Wiedervereinigung auf das Konto rassistisch und rechtsextrem motivierter Pogrome gehen, belehren uns darüber, daß das männerbündisch betriebene Lynchen noch immer eine breite Basis innerhalb gewisser Teilpopulationen besitzt und die dominante "ethnische Störung" (Devereux) derjenigen Deutschen ist, die sich über ihr "Deutsch-Sein" definieren.

Der Text Die Vermassung eines privaten Wahns oder: Eine Panik pro Saison versucht am Beispiel der Ereignisse in Sebnitz zu zeigen, daß massenmediale Kampagnen zur Bekämpfung des für Deutschland >peinlichen< Rechtsextremismus eine Komponente der Hysterisierung aufweisen, die dazu führen kann, daß Straftaten erfunden und von einer ganzen Nation geglaubt werden. "In den pathogenen Klimaanlagen gleichgeschaltet-aufgeregter Öffentlichkeiten atmen die Einwohner ihre eigenen Exhalate immer von neuem ein. Was hier in der Luft liegt, wird durch die totalitär zirkuläre Kommunikation in sie gelegt", heißt es in Peter Sloterdiks Buch Luftbeben (Frankfurt a. M. 2002, S. 102)

Ein neues Gespenst geht in Europa um, das Gespenst des Populismus. Die Wahlerfolge von Haider, Blocher, Berlusconi, Bossi, Le Pen, des in der Woche nach den Ereignissen in Erfurt ermordeten Pim Fortuyns und Ronald Schills demonstrieren, daß in den durch Globalisierungsprozesse geschwächten Nationalstaaten ein wachsendes Potential an diffuser Unzufriedenheit existiert, das der Populismus durch eine Art von "umgekehrter Psychoanalyse" (Leo Löwenthal) geschickt auf seine Mühlen lenkt. Vor allem in seiner durch Fortuyn verkörperten Dandy- und Armani-Version, bei der hierzulande die FDP Anleihen zu machen versucht, läßt der Populismus den Geruch des Geriatrischen und Rückständigen hinter sich und schickt sich an, auch jüngere Wählerschichten für sich zu mobilisieren. Auch in dieser medienkompatiblen und modisch gestylten Version birgt der Populismus enorme regressive Gefahren und Brutalisierungspotentiale, die zu einer Gefahr für den Fortbestand rechtsstaatlich verfaßter Demokratien werden können. Der Text Der Racheengel des kleinen Mannes, der nach den Wahlen zur Hamburger Bürgerschaft im Herbst 2001 entstand, versucht, uns und anderen das Phänomen Schill (und Möllemann) zu erklären, das dadurch nicht vom Tisch ist, daß die Schill-Partei bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt an der 5%-Hürde scheiterte und Schills Nimbus in den Niederungen der Hamburger Realpolitik und durch allerhand Affären schnell zu verblassen droht. Wenn der Populist, der von der Verdrossenheit vieler Bürger an der etablierten Parteipolitik lebt, sich in die Realpolitik begibt, kommt er darin um. Da aber damit die Verdrossenheit nicht schwindet, sondern nur eine vorübergehende politische Ausdrucksform einbüßt, bleibt die populistische Gefahr weiter virulent. Die Koalition aus CDU/CSU und FDP, die sich unter unseren Augen zusammenbraut, bedient sich einer Methode, die man "Abwehr durch Einverleibung" nennen könnte. Sie setzt selber auf eine punktuelle Mobilisierung des "Reichs der niederen Dämonen" (Ernst Niekisch), so daß für andere Rechts-Populisten kaum Raum zur Entfaltung bleibt. Aus aktuellem Anlaß habe ich einen Abschnitt über den Populismus à la Möllemann eingefügt, der im Banne seiner 18-Prozent-Obsession und in der Pose des Rebellen gewisse Tabuschranken niederreißt, an die zu rühren bislang das Privileg rechtsradikaler und neonazistischer Gruppierungen war.

Der Text, der den Band beschließt, wendet sich der Frage zu, wie zeitgenössische Gesellschaften Gewaltphänomene kodieren und deuten. Seit einiger Zeit erleben wir, daß bei der Suche nach den Ursachen von Gewalt und Kriminalität vermehrt auf genetische und neurobiologische Konstrukte Bezug genommen wird, die Gewaltphänomene im Kontext einer >Biologie des Bösen< interpretieren. Als man bei der Suche nach den Motiven des Amokläufers von Erfurt in seiner Biographie auf keine spektakulären Traumatisierungen stieß, bemühte Spiegel-TV am 12.5.2002 prompt einen Hirnforscher, der den Zuschauern den "Sitz des Bösen" in Gestalt visualisierter zerebraler Stoffwechselstörungen im Gehirn zu demonstrieren versuchte. Der Ahnherr solcher kriminalbiologischen Konstrukte ist der italienische Arzt Cesare Lombroso, der Ende des 19. Jahrhunderts den unsäglichen Begriff des "geborenen Verbrechers" kreierte, in dessen Namen die grauenhaftesten Verbrechen an >Verbrechern< und >Psychopathen< begangen wurden. Lombrosos Auferstehung scheint die wissenschaftliche Begleitmusik einer sich weltweit ausbreitenden Tendenz zu sein, das von der gesellschaftlichen Norm >Abweichende< zu exterritorialisieren und außerhalb des Menschlichen zu situieren. Immer dann, wenn im Felde des Sozialen biologisch-medizinische Deutungen um sich greifen, ist Gefahr im Verzuge, weil sich in ihrem Gefolge unmenschliche Praktiken der Exklusion ausbreiten, die bis zur physischen Vernichtung des Inhomogenen und Anderen reichen können. Der Text diskutiert auch die Folgen neuer Kodierungen >abweichenden Verhaltens< für den Strafvollzug und die Idee der Resozialisierung, die ja von der Voraussetzung lebt, daß kriminelles Agieren eine Spätfolge fehlgelaufener Lern- und Sozialisationsprozesse darstellt, und deshalb einer behandlerischen und therapeutischen Korrektur zugänglich ist.

Der Band ist dem Andenken Peter Brückners gewidmet, der vor zwanzig Jahren, im April 1982, viel zu früh verstarb. Ich verdanke den Begegnungen mit ihm und seinem Denken viel. Seine Bücher sind für mich Dokumente authentischer kritischerTheorie, die nichts an Virulenz eingebüßt haben und heute noch zum Weiterdenken inspirieren. Vieles von dem, was den Leser in diesem Band erwartet, trägt auch da unverkennbar Brücknersche Züge, wo ich nicht direkt auf ihn Bezug nehme.

Manche gewendeten Alt-68er haben im Eifer ihrer Konversion Brückners Bücher zu früh ins Antiquariat getragen, wo sie nun vielleicht von einer sich unter unseren Augen formierenden neuen sozialen Bewegung entdeckt und abgestaubt werden können. Wenn sich die Anti-Globalisierungsbewegung, die völlig zu Recht ihr Hauptaugenmerk zunächst auf die verheerenden ökonomisch-sozialen Folgen der Globalisierung richtet, sich eines Tages den Verwüstungen zuwendet, die diese auf der Innenseite produziert, wird sie in den Werken Peter Brückners, die im Berliner Wagenbach-Verlag erschienen sind, auf wichtige Vorarbeiten stoßen. Die Folgen des Raubbaus an innerer Natur hat Brückner als "innere ökologische Krise" gefaßt, deren destruktive Folgen sich mit den Auswirkungen der äußeren ökologischen Krisen und anderen Tendenzen zur "Selbstzerstörung bürgerlichen Verkehrs" bedrohlich verflechten.



 
   


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