Vorwort
Der beste Kenner der russischen Universitätsgeschichte und der sowjetischen Hochschulpolitik in Deutschland, Klaus Meyer, schrieb in einem seiner letzten Aufsätze vor seinem Tode (2007) in einem "Rückblick von außen" folgendes:
"In der Bildungspolitik konnte die Regierung der ehemaligen Sowjetunion zweifellos auf große quantitative und qualitative Erfolge zurückblicken. [...] Die quantitativen Fortschritte ließen sich vielfach nur auf Kosten der Qualität der Bildung erreichen. Das Verhältnis von Qualität und Quantität gehört daher seit Jahrzehnten zur Problematik der sowjetischen Bildungspolitik; vor allem was die Höhere Bildung und den Hochschulsektor betrifft. Zweitens müssen die Einschränkungen erwähnt werden, die - durch die sowjetischen Staatsorgane und vor allem durch die Kommunistische Partei der Sowjetunion vorgegeben - die Inhalte von Forschung und Lehre bestimmten. Den großzügig geförderten anerkannten Schwerpunkten standen Einschnitte und Barrieren gegenüber, wenn es um politische Macht oder ideologische Vorherrschaft ging, die auch mit Gewalt durchgesetzt wurden." (Jahrbuch für Universitätsgeschichte, Bd. 10, 2007, S. 261)
Warum wird hier daran erinnert? Vor allem deshalb, weil das Buch von Christine Teichmann in einer wissenschaftsgeschichtlichen Tradition in Deutschland steht und weil zweitens der darin behandelte Zeitraum von 1990 bis 2006, also die Periode der "Transformation" in Russland, auf dem historischen Erbe - im doppelten Sinn des Wortes als Last und Verpflichtung - beruht. Die Universitäten und Hochschulen sind ein Spiegelbild der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche im postkommunistischen Osteuropa, aber sie zeugen zugleich von Kontinuitäten, die diese Zäsuren überdauern.
Die hier versammelten Beiträge von Christine Teichmann, die in den Jahren 2001 bis 2007 geschrieben worden sind, dokumentieren und analysieren die Entwicklung des Hochschulwesens in der Russländischen Föderation in einem zweifachen Zusammenhang: einmal, in dem schon erwähnten historischen, zum andern in einem internationalen Bezugsfeld. Beide Aspekte werden von der Autorin an dem jeweiligen konkreten Gegenstand herausgearbeitet. Einige Stichworte seien genannt: Es geht im politisch-administrativen Bereich um das Verhältnis von staatlicher Steuerung und "Hochschulautonomie", wobei letztere mehrere Dimensionen aufweist. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage der Finanzierung des Bildungssektors und darin eingeschlossen das Verhältnis von Staat und Markt, d. h. eine gegenüber der Sowjetunion völlig neue Situation. Die privaten Hochschulen sind nicht nur als kommerzielle Einrichtungen zu sehen, sie können auch neue Wege gehen. Von zentraler gesellschaftlicher Bedeutung ist der Zugang zum Hochschulstudium, der auf Leistungskriterien beruhen soll, aber gleichzeitig durch das gemischte System von Studiengebühren und staatlicher Garantie neue Fragen aufwirft. Schließlich gehört das schon erwähnte Problem der Bildungsqualität, darunter auch der Hochschullehre, zu einem viel diskutierten Thema. Die Beispiele zeigen zugleich, dass die Entwicklung in Russland in immer stärkerem Maße als Teil internationaler Trends zu sehen und zu interpretieren ist. Darauf weist die Autorin mehrfach deutlich hin. Ob es sich um den sog. "Bologna-Prozess" oder um die Stellung Russlands in der PISA-Skala der schulischen Leistungsvergleiche handelt, jedes Mal sind es Fragen, die einem deutschen Leser sehr vertraut vorkommen, weil er sie in seinem eigenen Land ebenfalls vorfindet.
Die vorliegenden Studien behandeln darüber hinaus die Entwicklung in Russland auch mit dem Blick auf die anderen postkommunistischen Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa. Die Transformation in den baltischen Staaten, in Polen, der Tschechischen Republik oder in der Slowakei vollzog sich gerade im Bildungsbereich einmal als Bruch mit dem aufoktroyierten sowjetischen Modell, zum andern als bewusste Anknüpfung an ältere nationale Bildungstraditionen. So ist die europäische Landkarte der Bildungssysteme im Osten Europas bunter geworden, aber zugleich hat das neu geknüpfte Netz der Beziehungen auf wissenschaftlichem Gebiet zu den Nachbarn im Westen einen Gedanken- und Personenaustausch so intensiv wie kaum zuvor ermöglicht. Auch darüber gibt dieses Buch Auskunft.
Die international vergleichende Bildungsforschung wie die Osteuropaforschung insgesamt mussten nach 1989/90 aufgrund kurzsichtiger politischer Entscheidungen erhebliche Einbußen in ihren Forschungskapazitäten und finanziellen Ressourcen hinnehmen. Man glaubte, auf eine langfristig angelegte, systematische und gründliche Analyse der Schul- und Hochschulentwicklung verzichten zu können, weil sich das Objekt der Forschung, so meinte man, völlig gewandelt habe. Dass dies ein Irrtum war, zeigte sich schon einige Jahre später - aber Irrtümer lassen sich bekanntlich oft nur schwer korrigieren. Umso höher ist es einzelnen Wissenschaftlern anzurechnen, dass sie sich auch ohne den Rückhalt großer Institute und unter Entbehrungen diesem Gegenstand nach wie vor widmen und damit die in Deutschland begründete Wissenschaftstradition in gewissem Umfang fortsetzen. Auch aus diesem Grunde ist dem Buch von Christine Teichmann eine positive Aufnahme und Verbreitung zu wünschen.
Oskar Anweiler
Bochum, im November 2007