ZUR EINSTIMMUNG
» Ich verlasse Teneriffa fast mit Tränen in den Augen. Ich würde am liebsten ständig hier leben.«
ALEXANDER VON HUMBOLDT, 1799
Teneriffa - Mehr als es das Klischee verspricht
Der erste Eindruck mag ernüchternd sein. Auf die schon aus der Vogelperspektive sichtbare Skyline der Hotelburgen, die sich wie fallengelassene Bauklötze die Südküste entlangziehen, war man irgendwie vorbereitet. Schließlich urlaubte schon die halbe Bekanntschaft hier und die übrigen vier Millionen Gäste jedes Jahr müssen ja auch irgendwo wohnen. Überfüllte Strände und deutsche Bierkellergemütlichkeit, das mag alles noch angehen. Doch die trostlose Gegend um den Flughafen herum, also nein! Über ein paar obligate Blumenrabatten vor der Eingangshalle hinweg richtet sich der erste Blick auf eine Halbwüste, fast so, als sei man auf dem Mond gelandet. Der Südflughafen von Teneriffa ist der denkbar schlechteste Einstieg auf die Ferieninsel. Wo ist sie, die zum Klischee gewordene »Insel des Ewigen Frühlings«?
Spätestens auf der Sonnenliege im Hotelpark oder beim Willkommensdrink an der Pool-Bar sieht die Welt schon merklich freundlicher aus. Und man muß sich schließlich auch nicht unbedingt die trockene und öde Südküste als Feriendomizil aussuchen. Teneriffa kann auch anders. Und da wären wir schon bei den positiv besetzten Superlativen. Es ist nicht nur die meistbesuchte Kanareninsel, Teneriffa ist gleichzeitig auch die vielfältigste sowie abwechslungsreichste und für so manchen Kanarenkenner sogar die spektakulärste Insel des Archipels.
Und die höchste Insel im Atlantik ist sie dazu. Dominiert vom gewaltigen Bergstock des Pico del Teide entfaltet sich im Zentrum eine alpine Gebirgslandschaft von urwüchsiger Schönheit. Um den Fuß des gut 3700 m hohen Massivs zieht sich ein Gürtel duftender Kiefernwälder mit Wanderwegen und Picknickplätzen. Wären da nicht dazwischengestreute Vulkanschlote und ausgebrannte Schlackenfelder, könnte man sich glatt im Hochschwarzwald wähnen.
Wer Einsamkeit sucht, wird im Teno-Massiv oder Anaga-Gebirge fündig. Da gibt es zwar auch so manchen Punkt, der zeitweise recht überlaufen ist, doch Touristenströme sind an Uhrzeiten gebunden. Sobald die Zeit abgelaufen ist, strömen sie davon und machen dem ursprünglichen Idyll wieder Platz. Und wer von vornherein jeglichem Trubel aus dem Weg gehen will, der bewegt sich abseits der ausgetretenen Pfade. Auch davon hat Teneriffa noch genug, schließlich ist es - wieder so ein Superlativ - die flächenmäßig größte Kanareninsel. Mitunter läßt es sich stundenlang auf einem alten gepflasterten Dorfverbindungsweg wandern, ohne auf Menschen zu treffen. Und hat man das Dorf schließlich erreicht, entpuppt es sich als ausgestorben, weil die Leute allein von der irrsinnig schönen Natur um sie herum nicht leben konnten oder wollten und nun in der Stadt oder einem Wohnblock an der Küste leben und arbeiten. Auch das kann ein Stück Teneriffa sein.
An der Küste tobt das Leben. Dank der Sonnengarantie rund ums Jahr, und an manchen Plätzen gar Tag und Nacht. Tagsüber schwimmen, Schnorcheln, surfen oder biken, in der Dämmerung den Tag auf der Terrasse eines Fischlokals ausklingen lassen und nach Mitternacht in der Disco tanzen bis zum Umfallen - Teneriffa hat alles auf relativ begrenztem Raum beieinander. Denn so groß ist die Insel nun auch wieder nicht. Jeder kann es sich aussuchen, wie er die schönsten Wochen des Jahres verbringen will. Teneriffa ist für alle Fälle gerüstet.
ROLF GOETZ
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