Vorwort
Noch vor weniger als zwei Jahrzehnten konnten ältere, sehr alte und sehr kranke Menschen auf eine natürliche Art und Weise sterben. Wenn dem Körper die Kraft zum Weiterleben fehlte oder Krankheiten zu gravierenden Körperschäden und -störungen führten, war der Tod die vorhersehbare und oft auch akzeptierte Konsequenz. Diese Situation hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert.
Zum einen zeigt sich eine massive Zunahme gerontopsychiatrischer Erkrankungen. Hierbei verändert sich der Mensch krankheitsbedingt derart, dass er möglicherweise nicht mehr äußern kann, welche Beschwerden er hat, wie er seine Lebensqualität und seinen Zustand bewertet und welchen Maßnahmen er zustimmt bzw. welche er ablehnt. Die kognitiven Fähigkeiten sind also eingeschränkt. Zum anderen stehen in der modernen Medizin immer mehr Verfahren zur Verfügung, die die Erhaltung des Lebens trotz widriger Umstände ermöglichen (z. B. eine PEG, wenn der Betroffene nicht mehr essen oder trinken kann; Beatmung und Dialyse, wenn Herz-Kreislauffunktion oder Nierentätigkeit nicht mehr ausreichen).
Diese Veränderungen führen in der heutigen Zeit dazu, dass Menschen sich ängstigen, wenn sie an ihr Sterben denken. "Werden vielleicht Maßnahmen gegen meinen Willen durchgeführt?" - "Werde ich bei Entscheidungen vielleicht nicht einbezogen oder kann ich vielleicht sogar keine Entscheidungen mehr treffen, weil ich an einer Demenz oder an einer anderen Erkrankung des Gehirns leide?" - "Werde ich meine letzten Tage oder Wochen auf einer Intensivstation liegen, an Kabel und Schläuche angeschlossen und unfähig sein, mein Dasein selbst zu bestimmen?" Dieses sind einige Fragen und Ängste, die viele Menschen heute bewegen.
So kann es hilfreich sein, sich damit auseinander zu setzen, wie der eigene Sterbeprozess gestaltet werden soll, welche Maßnahmen man sich wünschen, welche mit Sicherheit ablehnen würde.
Gerade in Einrichtungen der stationären Altenhilfe, aber auch in der ambulanten und stationären Krankenpflege, geraten Pflegende in Konfliktsituationen, wenn Maßnahmen durchgeführt werden sollen, deren Sinn sie nicht verstehen oder erkennen. Das Hinauszögern des natürlichen Todes durch die Anordnung und Durchführung von lebensverlängernden Maßnahmen ist für sie und häufig auch für die Angehörigen eine Konfliktfrage und eine Belastung. "Was würde dieser Mensch jetzt selbst wollen?" - "Wie würde er entscheiden?" - "Beteilige ich mich vielleicht sogar an der Sterbehilfe, wenn ich Maßnahmen nicht durchführe, den Arzt über Komplikationen oder Störungen nicht informiere?" Pflegende und Angehörige fühlen sich unsicher und wollen nicht schuld am Tode dieses Menschen sein. Doch auch der behandelnde oder notfallmäßig hinzugezogene Arzt ist sich nicht immer sicher. So werden möglicherweise Maßnahmen durchgeführt, die in den Augen aller an der Pflege, Betreuung und Behandlung Betroffenen nicht sinnvoll sind.
Die Frage aller Fragen stellt sich immer wieder erneut: "Was wäre hier richtig?" - "Wie soll gehandelt werden?" Um diese Unsicherheit zu entschärfen und dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen Geltung zu verschaffen, nehmen Patientenverfügungen und Betreuungsvollmachten eine immer größere Bedeutung ein.
Die Literatur zu Patientenverfügung und Sterbehilfe ist schier unüberschaubar. Dennoch stehen Alten- und Krankenpfleger immer wieder vor dem Problem, im beruflichen Alltag mit einer Patientenverfügung umzugehen. Mit Rechtsfragen häufig überfordert, werden immer wieder dieselben Fragen gestellt:
| • | Was ist eine Patientenverfügung? | |
| • | Was mache ich, wenn der Patient/Bewohner eine hat bzw. eine erstellen will? | |
| • | Welche rechtliche Verbindlichkeit hat die Patientenverfügung? | |
| • | Was kann ich als Pflegekraft tun, um Informationen zu beschaffen, die in unklaren Situationen den geäußerten oder mutmaßlichen Willen des Betroffenen zu erkennen helfen? | |
In diesem Buch sollen Situationen dargestellt werden, in denen eine Patientenverfügung überhaupt von Bedeutung ist. Der Leser wird sehen, dass die Patientenverfügung nur in ganz wenigen Situationen (wenn keine Selbstbestimmung mehr möglich ist) von Nöten ist. Es werden Möglichkeiten aufgezeigt, die im Bereich von Pflegeinstitutionen wahrgenommen werden können, um einerseits "Indizien" für den selbstbestimmten Willen des Betroffenen zu sammeln, andererseits Strategien zu schaffen, um Entscheidungsprozesse, die dem Pflegebedürftigen ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung einräumen, zu fördern.
| Dieses Buch soll den Mitarbeitern in Pflegeeinrichtungen helfen, | |
| • | sich in der rechtlichen Situation zurecht zu finden, | |
| • | die Möglichkeiten von Patienten- und Betreuungsverfügungen sowie Vorsorgevollmachten zu kennen | |
| • | die Anforderungen, die an wirksame und anwendbare Patienten- und Betreuungsverfügungen sowie Vorsorgevollmachten gestellt werden zu kennen | |
| • | Möglichkeiten zu kennen, die in der eigenen Einrichtung als Struktur und Prozess aufgebaut werden können, damit das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen möglichst weitgehend berücksichtigt wird | |
| • | Grenzen eigener Selbstbestimmung erkennen | |
Wir möchten Transparenz in den Dschungel der Unsicherheiten und Fragen zum Selbstbestimmungsrecht und zum Einsatz von Patienten- und Betreuungsverfügungen sowie Vorsorgevollmachten geben. Über kritische Anmerkungen, Ergänzungen oder Fragen würden wir uns sehr freuen.
| Duisburg, im Januar 2006 | Angela Paula Löser |
| Dortmund, im Januar 2006 | Heike Ambrosy |