Vorwort
Zur 3. Auflage
Für diese Auflage gilt wie für die vorige: Ergänzungen im alten Text waren nur soweit möglich, wie sie das Layout nicht gefährdeten. Allerdings hat sich seit Erscheinen der 2. Auflage 1997 doch einiges im Buchgewerbe getan. Die Digitalisierung schreitet fort, das Buch hat sich neue Trägermedien jenseits des Buchkörpers erschlossen, der Konzentrationsprozeß im Buchmarkt erzeugt Verlagsriesen und Großbuchhandlungen. Den Umbrüchen trägt das Kapitel »An der Wende zum 21. Jahrhundert« Rechnung. Es ist als notwendige Erweiterung zum Buch vom Buch neu hinzugekommen.
Marion Janzin
Joachim Güntner
September 2006
Zur 2. Auflage (März 1997)
Im Dezember 1995 erschien die Neuausgabe, nun geht Das Buch vom Buch in die 2. Auflage. Die wohlwollende Aufnahme bei den Lesern und die rege Nachfrage geben zu der schönen Hoffnung Anlaß, daß es um die Lebenskraft des Buches, allen Neuerungen auf dem Gebiet der elektronischen Medien zum Trotz, weit besser bestellt ist, als Kulturpessimisten und Grabredner der Druckkunst wahrhaben wollen. Wir sehen es mit Freude.
Aus ihren Anfängen, als sie bloß eine Hilfsdisziplin der Historiker war, hat sich die Buchwissenschaft längst befreit Sie ist ein Fach für sich geworden, mit eigenen Lehrstühlen und Spezialisten, und trägt auf ihre Art bei zu der großen Explosion des Wissens. Vor diesem Hintergrund ist Das Buch vom Buch zu sehen: als Dienst am Leser, nicht als zusätzlicher Beitrag zur Wissenschaft, und so ist es auch von einer verständigen Kritik begrüßt worden. Wer heute eine allgemeine Geschichte des Buches verfaßt, muß seine wissenschaftlichen Ansprüche zügeln - das Streben nach Vollständigkeit ist Bürde genug. Zu weitläufig bietet sich das Gebiet der Forschung dem Betrachter dar, als daß eine kulturgeschichtliche Gesamtschau von 5000 Jahren Buchvergangenheit auf die Vorarbeiten Dritter verzichten könnte. Eine Darstellung wie die vorliegende kann erst geschrieben werden, wenn die Kärrnerarbeit in den Archiven bereits geleistet worden ist Ohne Konsultation einschlägiger Sekundärliteratur, ohne Anlehnung an Autoritäten geht es nicht Daß Das Buch vom Buch dabei nicht nur an den Verdiensten, sondern zuweilen auch an den Fehlern der vorangegangen Forschung partizipiert und diese ungewollt fortschreibt, gehört zu den ärgerlichen, aber wohl nur langfristig ausräumbaren Mißlichkeiten.
Wir sind von Büchern umgeben, aber die Geschichte des Buches kennen nur die wenigsten, und auch deren Kenntnis beschränkt sich meist auf Ausschnitte. Man mag dies leicht erklärlich finden: Schriftsteller verstehen sich aufs Schreiben, Typographen auf den Umgang mit Schriften und die Buchgestaltung, Buchhändler auf Vertrieb, Sortiment und Verkauf Antiquare und Bibliothekare wissen Bücher sachgerecht einzuordnen und zu qualifizieren. Auch denen, die alltäglich mit der Buchherstellung in Verlagen, Setzereien, Druckereien befaßt sind, macht niemand so schnell etwas vor. Ein jeder überblickt seinen Wirkungskreis - aber wie sollte er alles sehen können, wo doch das Buch so viele Aspekte umgreift? Eine fünftausendjährige Geschichte wäre zu vergegenwärtigen, ein Wandel nicht nur der Buchformen und Materialien, der Herstellung, des Schmucks und der Verbreitung, sondern auch ein Wandel unserer Einstellung zum Buch. Die Buchgestalt ist eines, der Inhalt ein anderes, die Wirkungsgeschichte ein drittes. Träger der Überlieferung, Gegenstand von Verehrung und Verfolgung, Mittel der Unterhaltung, Belehrung und Aufklärung, politische Waffe, Ratgeber und Kunstwerk - all dies ist das Buch gewesen oder ist es noch.
Unsere Buchgeschichte will dem Buchfreund Einblicke geben, vor allem aber soll sie Zusammenhänge aufzeigen und Überblick verschaffen. Als Leser stellen wir uns einen neugierigen Grenzgänger vor. Jemanden, dem es gefällt, von technischen Fragen der Buchherstellung in ein Kapitel über Illustrationskunst hinüberzuwechseln. Der etwas über Schriftentstehung erfahren will, aber ebenso über die Geschichte des Buchhandels, über räuberischen Nachdruck, über Honorarstreit und »Lesesucht« oder auch über das Bibliothekswesen - und dies möglichst immer kurz und bündig: faktenreich, aber nicht ausufernd; gedrängt auf das Wesentliche, aber nicht oberflächlich. Vorkenntnisse muß der Leser nicht mitbringen. Bei unverständlichen Fachbegriffen hilft das Register mit einem Verweis auf die Stelle, wo das Wort zum ersten Mal vorkommt Dort ist es auch erklärt.
Das Buch vom Buch ist auch ein Bilderbuch. Bilderbücher liest niemand in einem Zug von der ersten bis zur letzten Zeile. Der Leser wird blättern, er wird bei manchen Abbildungen verweilen, Passagen überfliegen und im Text kreuz und quer springen, sich hie und da festlesen. Die Gliederung erlaubt ein fakultatives Lesen, den raschen Zugriff auf ein ganz bestimmtes Thema. Uns lag daran, die aspektreiche Geschichte des Buches erkennbar zu strukturieren, sie nicht, wie in älteren Darstellungen, grob nach Jahrhunderten zu unterteilen, sondern nach thematisch konzentrierten Abschnitten, die von einer enger eingekreisten Fragestellung ausgehen.
Welche Abschnitte und Unterabschnitte dabei schließlich entstanden, ergab sich aus der Sache selbst Es ist die Folge davon, daß wir eine Buchgeschichte, keine Buchkunde, geschrieben haben. Zwei Möglichkeiten standen vorab zur Wahl: Entweder die Orientierung an Sachgebieten. Dann hätte es ein großes Kapitel über den vollständigen Werdegang der Beschreibstoffe gegeben, ein entsprechendes über den Buchdruck, ein anderes über Bucheinbände, das nächste über Illumination und Illustration und so weiter, jedes für sich in der Manier eines Nachschlagewerkes. Das wäre eine Buchkunde gewesen. Oder aber man hält sich an die Chronologie, nimmt eine Einteilung nach Epochen vor und liefert Querschnitte, die das Buch und seine Teile so zeigen, daß sie als Einheit vor einem geschichtlichen Hintergrund zu sehen sind, eingebettet in die Zeit Dafür haben wir uns entschieden. Buchgeschichte ist Kulturgeschichte. Viel mehr als eine streng systematische Darstellung des Stoffes interessierte uns daher die Frage: Wenn man auf das jeweils Zeittypische achtet, welche Muster zeigen sich dann in dem großen Gewebe der historischen Entwicklung? Das Inhaltsverzeichnis spiegelt das Resultat dieser Betrachtung wider: Die Überschriften, unter die wir dort die einzelnen Kapitel und Abschnitte gestellt haben - sie bezeichnen unsere »Muster«.
Sie zeigen allerdings auch, was diese Darstellung nicht leisten kann: Dem Titel nach verspricht Das Buch vom Buch eine Universalgeschichte. Und als solche beginnt die Darstellung tatsächlich und verfolgt grenzübergreifend, die Schrift- und Buchentwicklung bei den Sumerern, Ägyptern, Griechen und Römern. Aber was für die Frühzeit möglich und zwingend ist, die Einbeziehung ferner Länder, wäre für die jüngere Vergangenheit, erst recht für die Gegenwart, eine unbezwingbare Aufgabe. Unser Kapitel über das 20. Jahrhundert ist von allen das umfangreichste geworden, und dennoch beschränkt es sich, von Ausnahmen abgesehen, auf die deutschen Verhältnisse. Hier schrumpft die universale zur nationalen Buchgeschichte. Das ist unvermeidlich, im Zeitalter der Globalisierung vielleicht aber auch nicht weiter schlimm. Zumindest was die Technik angeht ist das Nationale vom Internationalen längst ununterscheidbar. Die Digitalisierung der Druckschriften und der Lichtsatz beispielsweise sind deutsche so gut wie englische, französische oder amerikanische Phänomene.
Das Buch vom Buch ist in der Schlüterschen Verlagsanstalt und Druckerei schon einmal, 1978, erschienen. Autor war Helmut Presser, der langjährige Direktor des Gutenberg-Museums in Mainz. Von ihm übernehmen wir den Titel und die Entscheidung für eine chronologische Darstellung. So bleibt er der Begründer dieser Buchgeschichte, auch wenn daraus, bedingt durch die Umstände, ein völlig anderes Buch geworden ist