Vorwort
Politiker - es gibt wohl keine andere Berufsgruppe, die öffentlich mehr zu sagen hat, und das im doppelten Sinn des Wortes. Denn sie reden nicht nur viel, sie haben auch die Macht (oder streben nach ihr) und wissen, wo's langgeht (oder langgehen soll). Was Politiker sagen, verdient deshalb immer Beachtung, und eine Sammlung von Politikerzitaten ist folglich eine nützliche Sache - ob nun zur Meinungsbildung oder für den praktischen Gebrauch in Rede, Essay und Brief, um den eigenen Horizont zu erweitern (denn Politiker stehen auch für bestimmte Epochen, Ereignisse und Ideen heute und in der Geschichte), um sich für eine Diskussion zu munitionieren oder um ganz schlicht, nur zum Vergnügen, zu schmökern und zu stöbern.
"Die Politik ist das Schicksal", erkannte schon vor zweihundert Jahren Napoleon. Niemand, ob er will oder nicht, kann sich ihr entziehen. Nicht nur berührt die Politik direkt oder indirekt auch das Privatleben, spätestens seit '68 weiß man zudem, dass das Gegenteil ebenso zutrifft, dass nämlich auch alles Private politisch ist, wie eines der damaligen Schlagworte lautete.
Obwohl also die Politik überall hineinregiert und umgekehrt wohl alles eine politische Seite hat, wird Politik oft verachtet, stehen die meisten Politiker in üblem Ruf. Das schlechte Ansehen hat freilich sein Gutes: Denn elementares Misstrauen gegenüber den gewählten Repräsentanten ist das Kennzeichen einer selbstbewussten Republik und gehört in alten Demokratien wie zum Beispiel der US-amerikanischen seit langem dazu. Wer in einer Gesellschaft, die sich die Gleichheit aller auf die Fahnen geschrieben hat, über andere herrscht, muss schließlich besonders scharf beäugt und gegebenenfalls auch respektlos daran erinnert werden, dass er sich nicht besser dünken darf als die anderen.
Da aber Politiker nichts Besseres sind als der Rest der Menschheit und ihnen, wie sich spätestens bei den üblichen Machtkämpfen und Skandalen zeigt, wahrlich nichts Menschliches fremd ist, findet man auch sämtliche Tugenden und Laster unter ihnen verbreitet. Hier gibt es alle möglichen Charaktere: Schurken und Lichtgestalten, Friedensstifter und Hassprediger, Wohltäter und Betrüger, Wohlmeinende und Besserwissende, kluge Köpfe und böse Zungen, treue Seelen und falsche Freunde, moralisch denkende Praktiker und tatendurstige Theoretiker, Träumer und Realisten, brave Leute mit Sinn für Maß und Mitte ebenso wie kühne Utopisten, die über den Tellerrand hinausschauen.
Die Politik: Sie ist eine Schreckenskammer ebenso wie ein Arsenal des Guten, Schönen und Wahren, ein ernstes Geschäft ebenso wie eine unterhaltsame Schau. Und weil eben die Politik alles und alles politisch sein kann, gibt es nichts, worüber Politiker sich nicht schon einmal geäußert hätten. Wenn sie Glück haben, gelingen ihnen gültige Formulierungen und wegweisende Worte. Wenn sie Pech haben, stellen sie sich bloß oder machen sich lächerlich. Beides hat sein Gutes, wie die folgenden Seiten zeigen.
Peter Köhler
Göttingen, im Mai 2008