Vorwort
Die Fachdidaktik der Kunsterziehung im Grundschulbereich hat in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt einen regelrechten Boom erlebt, nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Erstellung neuer Lehrpläne in einzelnen Bundesländern. Angesichts dieses umfangreichen Literaturangebots bedarf es wohl eines triftigen Grundes, wenn der ALS-Verlag mit dem vorliegenden Band nicht nur ein weiteres Werk anfügen, sondern damit zugleich eine ganze Reihe "Bildende Kunst in der Grundschule" starten will.
Wer nicht nur die Diskussionen auf höherer Ebene verfolgt, sondern als Kollege oder Elternteil die Lage der Kunsterziehung registriert, wie sie sich im Alltag der Grundschule außerhalb von Versuchsschulen und hochschulpädagogischer Betreuung abzeichnet, wird in der Regel feststellen müssen, daß die Umsetzung der neuen Lehrpläne in anregenden Unterricht an der Basis offenbar auf Schwierigkeiten stößt. Symptomatisch für diesen Zustand ist z.B., daß die Lehrplankommission Kunst/Grundschule in Baden-Württemberg seinerzeit davon ausging, Kunstunterricht werde in Zukunft auch an der Grundschule vornehmlich von ausgebildeten Fachkräften erteilt. Diese Voraussetzung hat sich im Zuge einer pädagogisch begründeten Rückbesinnung auf das Klassenlehrersystem nicht erfüllt. Damit aber besteht zwischen dem Anspruch des Lehrplans an einen Fachlehrer-Adressaten und der Belastbarkeit des Grundschullehrers mit fachdidaktischem Vorwissen eine erhebliche Diskrepanz.
Dieser Lücke will sich nun die Reihe "Unterrichtshilfen für Bildende Kunst in der Grundschule" annehmen, deren erster Band hiermit vorliegt. Die Autorin hält sich streng an die Struktur des Lehrplans von Baden-Württemberg, der durch Übernahme der Erfahrungen aus anderen Bundesländern, insbesondere aber durch die Einarbeitung der sog. Grundaufgaben R. Pfennigs als elementare Lernprozesse überregionalen Charakter gewonnen hat. Die einzelnen Unterrichtsbeispiele werden jedoch in so übersichtlicher und praxisnaher Gliederung vorgestellt, daß auch der fachfremde Lehrer nach diesem Gerüst seinen Unterricht vorbereiten kann. Dem kommen der jeweils auf einer Seite stichwortartig zusammengefaßte Text und die farbige Präsentation von Schülerarbeiten auf der gegenüberliegenden Seite entgegen.
Bei so viel Basisnähe liegt der Vorwurf des Fachdidaktikers nahe, hier werde das sinnentleerte Arbeiten nach Rezept gefördert. Ich meine jedoch, wir sollten angesichts der oben angedeuteten Lage des Kunstunterrichts ein bißchen Pragmatismus nicht scheuen! Wichtiger als die Gefahr rezeptiver Übernahme, der übrigens jedes der Öffentlichkeit vorgestellte Unterrichtsbeispiel ausgesetzt ist, erscheint mir die Chance, die dem Lehrer geboten wird: sich von Beispiel zu Beispiel in die fachdidaktische Struktur der Aufgaben einzuarbeiten und so durch die Praxis in den Lehrplan einzudringen, bis er in der Lage ist, selbständig aus diesem weitere und eigenständige Aufgaben abzuleiten. Dieser Band setzt also an der Basis an, dort, wo das Einlesen in fachdidaktische Werke keine konkrete Hilfe verspricht, weil die nächste Kunststunde vor der Tür steht, wo ganz banal nach einem Thema gesucht wird und sich eine Reihe schwerwiegender, weil unterrichtsbestimmender praktischer Fragen stellt: nach den Arbeitsmitteln, nach ihrer sachgerechten Handhabung, nach der Organisation der Stunde. Die Verfasserin, die eben diese Nöte der Kollegen aus der Praxis kennt, geht auf all diese Fragen ein. Aber sie beschränkt sich nicht darauf, sondern spannt ihre Vorschläge in den Rahmen von Lernzielbestimmung und -kontrolle. Damit wird der nächsten Stufe der Hilflosigkeit vorgebeugt, die bei der Übernahme von Einzelstunden verharrt, ohne sie einem didaktischen Konzept unterzuordnen.
Der Grundkurs Deckfarben wendet sich vorrangig dem Erlernen von Fertigkeiten zu: dem Umgang mit Malmaterial und Pinsel. Ist es überhaupt legitim, dem technischen Aspekt eine solche Vorrangstellung einzuräumen, wo doch in der Fachdidaktik immer wieder seine sekundäre Rolle als Mittel zum Zweck betont wird? Wer immer wieder nicht nur einzelne Schüler, sondern ganze Klassen erlebt, die noch in der Orientierungsstufe einen Pinsel wie einen Schrubber handhaben, die ohne differenzierteste Vorzeichnung keinen Fleck Farbe aufs Papier zu bringen wagen und noch nach vier Grundschuljähren nicht wissen, daß Farbenmischen mehr ist als eine unerwünschte Verunreinigung des Farbkastens, der kann am Sinn eines solchen Kurses kaum zweifeln.
Aber denen gegenüber, für die dieses Büchlein konzipiert wurde, bedarf es wohl auch so keiner Rechtfertigung. Ich jedenfalls wünsche ihm die Resonanz, die es, aus der Praxis für die Praxis entstanden, verdient.
Michael Kutzer
Einleitung
Dieses Heft ist entstanden aus meiner Arbeit als Lehrer und als Leiter von Arbeitsgemeinschaften für Bildende Kunst mit Grundschul-Lehrern. Es ist gedacht für die Hand des Lehrers. Ich habe gesehen, wie schwer es fällt, ohne entsprechende Ausbildung und eigene Erfahrung die Grundkenntnisse des Malens und den Umgang mit dem Deckfarben-Malkasten den Schülern beizubringen.
Diese Unterrichtsreihe folgt mit ihren aufeinander aufbauenden Lernzielen dem Lehrplan. Gesamtlernziel ist der Umgang mit dem Deckfarben-Malkasten, mit dem Pinsel und mit Deckweiß sowie das Erlernen einiger einfacher Techniken, die für die Grundschule geeignet sind.
Die Unterrichtsreihe ist der besseren Übersicht wegen, in Tabellenform abgefaßt. Sie beginnt mit einer 1. Klasse und wird in der 2. Klasse fortgeführt.
Als Arbeitsmaterial wird benötigt:
| 1 Zeichenblock DIN A 3 | |
| 1 Deckfarbenkasten (z.B. Pelikan) | |
| Deckweiß Borstenpinsel Nr. 10 | |
| Zeitungspapier zum Unterlegen | |
| Malbecher und Lappen | |
| außerdem für Aufgabe Nr. 12 | |
| dunkelfarbiger Photokarton und Trinkhalme zum Verblasen | |
Zur Arbeitsweise empfehle ich: Immer Papier unterlegen. Den Handballen oder den Ellbogen aufstützen. Ohne Vorzeichnen mit dem Bleistift arbeiten. Das Bild vor den Augen entstehen lassen, eventuell mit dem trockenen Pinsel oder dem Finger "vorzeichnen", "vordenken".
Für die Unterrichtsgestaltung hat sich folgendes bewährt: Gemeinsames Besprechen, gemeinsames Betrachten ist unbedingt notwenidg. Vieles lernen die Schüler durch vergleichendes Betrachten. Kleinste Lernschritte loben! Wenn ein Schüler ein Bild nicht mehr weitermalen möchte, das Bild nicht gleich fortwerfen, sondern überlegen, wie man es verbessern, übermalen kann (Deckfarben decken!).
Die eigene Kreativität der Schüler wird in dieser Unterrichtsreihe zunächst nicht in besonderer Weise herausgefordert. Ich meine aber, ohne Grundkenntnisse des zur Verfügung stehenden Materials und einiger Techniken können die Möglichkeiten für kreative Aufgaben gar nicht genutzt werden. Deshalb schiebe ich immer einzelne freie Erzähl- oder Erlebnisthemen dazwischen, wie z.B.:
| Auf dem Robinson-Spielplatz | |
| Ich erfinde eine Superflugmaschine | |
| Im Schlaraffenland | |
| Beim Skifahren | |
| Auf der Rollschuhbahn | |
| Im Zoo | |
| Mein Traum | |
Hinweis für Aufgabe 3 + 5:
Hier schlage ich "Schwungübungen" vor, Übungen mit dem ganzen Arm, mit dem ganzen Körper (sogenannte Atemübungen). Sie sollen lockern und entspannen und öfter eingesetzt werden. Auch beidhändig an der Tafel, auf dem Fußboden auf Packpapier, in der Luft, mit Kreide auf dem Schulhof, ...
Hinweis für Aufgabe 13 + 14:
Hier wird eine große Menge Deckweiß benötigt. Ich rühre in einem Plastikeimer mit gut abschließbarem Deckel das Deckweiß nach folgendem Rezept an:
| 1 Paket | Farbenleim (Metylan 125 g) | |
| 1 kg | Titanweiß (Pulver) | |
| 2 1 | Wasser | |
Alle Schülerarbeiten sind vorwiegend in einer Schulstunde entstanden. Sie sollten immer mit Namen des Schülers und seinem Alter oder seiner Klassenstufe gekennzeichnet sein, z.B. Klaus, 7 Jahre oder Klaus, 2. Klasse.
Nun wünsche ich allen Lehrern viel Freude beim Unterricht, allen Schülern viel Freude beim Malen und allen - auch den Lesern dieser Unterrichtsreihe - vergnügliche Stunden.
| Mannheim, im Mai 1980 | Marianne Merz |
Einleitung zur 4. Auflage
An dieser Stelle wollen wir - Verfasserin und Verlag - uns für die Treue bedanken, die viele Lehrerkolleginnen und -kollegen jetzt bereits über 10 Jahre unserer Reihe "Unterrichtshilfen für Bildende Kunst" erwiesen haben.
Nichts kann die Beliebtheit und Brauchbarkeit dieser Reihe im Unterricht besser dokumentieren als die Tatsache, daß dieser Band 1 "Grundkurs Deckfarben" jetzt bereits in der 4. Auflage erscheint und zwar unverändert. Dies zeigt zugleich die Richtigkeit der Konzeption.
Noch einige Tips zu den Aufgaben:
| • | Aufgabe 1: Nach den langjährigen Erfahrungen male ich den Schornsteinfeger ganz in schwarz - wie einen Schattenriß. Die Schüler konzentrieren sich so mehr auf das sorgfältige Anlösen der schwarzen Pigmente. | |
| • | Aufgabe 9: Hier achte ich darauf, daß weniger Grüntöne entstehen. | |
| • | Verwendung von Deckweiß: Ich habe nach wie vor die besten Erfahrungen mit selbstangerührtem Deckweiß gemacht (Titanweiß ist ungiftig). Die Freude der Schüler ist groß, wenn sie aus dem "Vollen" schöpfen dürfen. Die kleinen Tuben sind im Nu verbraucht oder ausgetrocknet. Großgebinde sind im ALS-Verlag fertig angemischt erhältlich. | |
Noch ein Hinweis zum Band 10 "Deckfarben II". Er ist eine konsequente Fortsetzung des vorliegenden ersten Bandes. Die Aufgaben sind logisch aufeinander aufgebaut mit steigendem Schwierigkeitsgrad und geben einerseits dem Lehrer die Chance, sich von Beispiel zu Beispiel in die fachdidaktische Struktur einzuarbeiten und andererseits den Schülern die Gelegenheit zu erleben, wie sich das schrittweise fortentwickelte Wissen und Können in den Arbeitsergebnissen positiv niederschlägt.
Gegenüber dem ersten Band ist für den Lehrer ein wenig mehr Theorie eingearbeitet. Es können weitere Materialien wie Reste aus Metallfolie, Pappe und Naturmaterialien eingesetzt werden, wodurch die Schüler in bezug auf ihre Kreativität mehr gefordert werden.
Wie immer wünsche ich allen Benutzern Nutzen, allen Freunden Freude sowie Lehrern und Schülern farbigen Unterricht mit Farben.
Mannheim, im September 1991
Marianne Merz