Peter Lehmann / Peter Stastny (Hg.)
Statt Psychiatrie 2
Vorwort von Robert Whitaker
Mit Beiträgen von Volkmar Aderhold, Laurie Ahern, Birgitta Alakare, Karyn Baker, Ulrich Bartmann, Agnes Beier, Regina Bellion, Wilma Boevink, Pat Bracken, Stefan Bräunling, Ludger Bruckmann, Giuseppe Bucalo, Dorothea S. Buck-Zerchin, Sarah Carr, Tina Coldham, Bhargavi Davar, Anne Marie DiGiacomo, Constance Dollwet, Jeanne Dumont, Merinda Epstein, Sandra Escher, James B. Gottstein, Chris Hansen, Geoff Hardy, Petra Hartmann, Alfred Hausotter, Michael Herrick, Guy Holmes, Andrew Hughes, Theodor Itten, Maths Jesperson, Kristine Jones, Hannelore Klafki, Miriam Krücke, Peter Lehmann, Bruce E. Levine, Harold A. Maio, Rufus May, Shery Mead, Kate Millett, Maryse Mitchell-Brody, David W. Oaks, Peter Rippmann, Marius Romme, Marc Rufer, Gisela Sartori, Erich Schützendorf, Jaakko Seikkula, Andy Smith, Zoran Solomun, Peter Stastny, Chris Stevenson, Dan Taylor, Philip Thomas, Jan Wallcraft, David Webb, Uta Wehde, Scott Welsch, Salma Yasmeen, Laura Ziegler und Ursula Zingler
Übersetzungen von Jonas-Philipp Dallmann, Edgar Hagen, Pia Kempker, Rainer Kolenda, Branislav Popadic, Ulrike Stamp und Peter Stastny
Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag • Berlin • Eugene • Shrewsbury • 2007
Vorwort
Die erste Frage, die ein Buch mit dem Titel »Statt Psychiatrie« aufwirft, lautet: Wozu brauchen wir eigentlich Alternativen? Was ist falsch an der Behandlung, welche die Mainstream-Psychiatrie anbietet? Da es auf diese Frage zahlreiche Antworten gibt, wollen wir zunächst einen Blick auf eine Statistik werfen, nämlich den Anstieg jener Zahl von Menschen, die in den letzten fünfzig Jahren als psychisch krank und behindert gelten.
Das derzeitige medikamentenbasierte Paradigma psychiatrischer Behandlung geht auf das Jahr 1954 zurück, als Chlorpromazin als erstes antipsychotisches Medikament eingeführt wurde. Damit, so möchte uns die Psychiatrie glauben lassen, machte die Gesellschaft einen großen Sprung nach vorn bei der Behandlung »psychisch Kranker«. Wie man hört, sollen psychiatrische Forscher bedeutende Fortschritte gemacht haben, was das Verständnis biologischer Ursachen psychischer Störungen angeht, und dies habe zur Entwicklung immer besserer Medikamente geführt.
Worin dieser »Fortschritt« wirklich besteht, sehen wir an den folgenden Zahlen: In den USA hat sich die Zahl »psychisch Behinderter« in den letzten fünfzig Jahren fast versechsfacht - von 0,34 % der Einwohner im Jahr 1955 auf 1,97 % im Jahr 2003. Seit der Einführung von Prozac1 im Jahr 1987 (dies war das erste Psychopharmakon der zweiten Generation, dem nachgesagt wurde, besser als seine Vorgänger zu sein) hat sich die Zahl der sogenannten psychisch Behinderten in den USA um 150.000 Menschen pro Jahr erhöht. Anders gesagt: Jeden Tag kommen 410 Menschen hinzu, die durch »psychische Krankheiten« behindert sind.
Andere Länder wie Großbritannien oder Australien, die das medikamentenbasierte psychiatrische Paradigma übernahmen, berichten ebenfalls von einer starken Zunahme der Zahl von Menschen, die in den letzten fünfzig Jahren durch psychische Störungen zu Behinderten wurden. Diese interessante Tatsache kann nur zu einem Schluss fuhren: Das Paradigma der herrschenden Psychiatrie ist gescheitert. Es hat sich gerade nicht als hilfreicher Ansatz erwiesen für Menschen, die an verschiedenen Formen psychischer Not (Depressionen, Angstzustände, Manien, Psychosen usw.) leiden, um zu gesunden und mit dem eigenen Leben klarzukommen. Vielmehr ist es ein Ansatz, der die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man chronisch krank wird.
Wir kommen also offenbar nicht darum herum, über Alternativen zu diesem gescheiterten Paradigma nachzudenken. Auch wenn dies eine große Herausforderung darstellt, weisen alle Beiträge in diesem aktuellen und dringend benötigten Buch auf einen gemeinsamen Ausgangspunkt: Wenn wir denen helfen wollen, die mit ihren psychischen Problemen kämpfen, können wir damit beginnen, sie als unsere Brüder und Schwestern zu sehen - ähnlich wie die Quäker, als diese sich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gegen die Psychiatrie ihrer Zeit auflehnten. Also nicht als Menschen mit »kaputten Gehirnen«, sondern als Leidende. Diese Perspektive bringt eine ganze Welt der »Sorge« mit sich: Was benötigt der einzelne Mensch für sein Wohlbefinden? Schutz, Nahrung, Freundschaft und eine sinnvolle Beschäftigung. Jede Gemeinschaft, die derartige Sorge und Unterstützung bereitstellt - zusammen mit einer Botschaft der Hoffnung, dass Menschen sich von psychischem Leid erholen können -, bildet einen guten Ansatz, Alternativen zur derzeitigen Psychiatrie zu entwickeln.
Die Beiträge in diesem Buch berichten von solchen Unterfangen. Zur Psychiatrie existieren heute nachweislich Alternativen - Programme, die Betroffenen erwiesenermaßen wirklich helfen, sich besser zu fühlen. Darüber hinaus führt dieses Buch Berichte über individuelle Formen der Bewältigung von Verrücktheit zusammen. Möge es dazu anregen, dass viele andere derartige Bemühungen Fuß fassen, gedeihen und sich verbreiten können.
Robert Whitaker Cambridge, Massachusetts
Aus dem Amerikanischen von Jonas-Philipp Dalimann
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