Vorwort
In einer entwurzelten Gesellschaft, die uns mit ihrem deformierten sozialen System versichert, alles was wir tun sei ungefährlich und sicher, hat es der einzelne Mensch immer schwerer, sich wirkliche Bedeutung zu verschaffen. Wir frönen zwar dem Individualismus, schaffen es jedoch nur schwer diesen zu unserer vollen Zufriedenheit auszuleben, wenn wir nicht gänzlich an den Rand unserer Gesellschaft gestellt werden möchten.
»Ich glaube, dass das Anwachsen des Modernen Primitivismus sich darin begründet, dass diese einfachen starren Muster an die inneren Empfindungen derjenigen Menschen rühren, die in einer behüteten, gleichmacherischen, aber trotzdem kompliziert-unübersichtlichen Zivilisation leben«, orakelt Dan Thome, ein Spezialist für mikronesische Tätowierungen. »Diese Menschen suchen nach Wegen um sich einzigartig zu machen. Sie fühlen sich nicht länger verbunden mit tausend Jahren traditioneller Entwicklung; sie fühlen sich so, als wären sie gestern geboren, ohne Tradition, ohne Geschichte, ohne Werte, die Sinn ergeben, - und sie wollen etwas, dass sie zurückverbindet an die ursprüngliche Persönlichkeit, deren Berührung sie verloren haben, oder die sie gar nie gekannt haben.«
Das Tatto ist immer noch ein bisschen taboo - und wird es wohl auch für alle Zeiten bleiben, da sich aller Wahrscheinlichkeit nach unser Wort Tabu von dem Wort Tattoo ableitet. Nach der Tätowierungs-Sitzung wurde der frisch Tätowierte mit einem Tabu belegt, um Infektionen zu vermeiden. Dieses Tabu galt solange, bis seine Wunden weitestgehend abgeheilt waren.
Die hohe Qualität, mit der heute Tätowierer arbeiten, lässt das Tabu Tattoo jedoch immer weiter aus der Gesellschaft verschwinden und auch der ärgste Spiesser vor dem Herrn erkennt den Reiz dieser Kunst - und sei es auch nur wegen der Ausrede sich nun endlich, ohne ein erneutes Tabu zu verletzen, nacktes, schönes fleisch anschauen zu dürfen. Schliesslich geht es ihm ja nur um die wunderschönen Bilder auf der Haut
Dieses Buch handelt von Tribal-Tatoos, also um Stammes-Tätowierungen. Wer heute ein Tribal trägt, tut dies meist wegen dem Reiz der Linienführung, oder weil es seine Körperformen betont - der Ursprung ist in der Zwischenzeit verloren gegangen. Doch kann dieser Ursprung, dieser Tribe, eigentlich verloren gehen? Besteht er nicht für immer, wenn auch nur zu einem kleinen Bruchteil, im Gedächtnis dieser Welt? Was geschieht mit Menschen, die Tribals tragen? Was sind das überhaupt für Menschen, die heute die Wurzeln vergangener Zeiten auf ihrer Haut tragen? Diesen fragen wollen wir in diesem Buch nachgehen.
Wir werden eine kleine Reise um den Erdball machen, um uns Tribals anzuschauen und die Geschichten dahinter kennenzulernen. Dies ist gar nicht so einfach wie man vielleicht denken mag, denn viele der Urvölker die heute vielleicht noch Tribals tragen, wissen nicht was sie bedeuten, oder wenn sie es wissen, dann wollen sie es uns Europäern, die wir sie über Jahrhunderte versklavt und unterdrückt haben, bestimmt nicht erzählen. Schliesslich haben wir durch unseren Missionierungswahn dazu beigetragen, dass Tribals verboten wurden, dass alte Stammesriten nicht mehr ausgeführt werden konnten und der Blick nur auf den einen zu richten war: Den Mann den sie an ein Kreuz genagelt hatten.
Viele unserer Entdeckungen zum Thema Tribal werden also nur Vermutungen bleiben können, aus denen sich vielleicht über die kommenden Jahre etwas Neues entwickeln kann, sich neue Wurzeln ausbreiten können, damit die Träger der Tribals etwas von der alten Stärke mit in ihr weiteres Leben nehmen können.
Der Baum, auf dem die heutigen Tribals wachsen, trägt wunderschöne Früchte. Tribals werden von Tag zu Tag beliebter. Deswegen werden wir in diesem Buch auch der frage nachgehen, was denn hinter dieser Beliebtheit steckt. So ganz am Anfang dieses Buchprojektes macht sich diesbezüglich eine Ahnung breit: Es ist die Ahnung von etwas Kriegerischem, von etwas Begehrenswertem, das uns Menschen beschützen kann. - Die Reise, welche auf diese Vermutung aufbaut, wird uns erst einmal ins Ungewisse führen und erst am Ende des Buches werden wir wohl sagen können, ob sich diese Ahnung bewahrheitet oder nicht
Wie das Leben so spielt, schreiben dieses Buch zwei Männer, deren Haut (noch) ganz frei von Tätowierungen ist Dies mag ein Vorteil oder ein Nachteil sein. Den Vorteil sehen wir darin, völlig frei an das Thema herangehen zu können und damit die wichtigen dummen Fragen stellen zu können. Der Nachteil findet sich vielleicht darin, dass wir den Schmerz der Nadel noch nicht gefühlt haben. - Tro zdem verbindet uns sehr viel mit diesem Thema, nämlich die Suche nach dem Stammesleben in unserer heutigen Zeit Und so laufen wir jetzt einmal los, versuchen die alten Stammeswege zu finden und diese Wege in unsere heutige Zeit zu verfolgen.
Der Weg der Tribals: Ein Weg von der Urkraft über die Unterdrükkung zur Freiheit!
Igor Warneck, Vogelsberg im Dezember 1999 Björn Ulbrich, Hexengrund im Jahre 2000 und Frürhjahr 2001