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Facetten Elementarer Musikpädagogik
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Vorwort



Die Elementare Musikpädagogik hat in den vergangenen Jahrzehnten, insbesondere wohl in den letzten Jahren, im Gesamtbereich der Musikerziehung beständig an Bedeutung gewonnen. Im Laufe ihrer Entwicklung konnte sie sich zunächst als Praxisfach und schließlich als Hochschulfach zunehmend etablieren. Hat die Musikschule von jeher den Instrumentalunterricht als ihre Kernaufgabe angesehen, so kam ab den 50er-Jahren zunächst eine "Vorstufe" oder "Eingangsstufe" in den Blick des gerade neu gegründeten Verbandes deutscher Musikschulen. Ende der 60er-Jahre hielten dann die "Musikalische Grundausbildung" und die "Musikalische Früherziehung" Einzug in die Musikschulen und ihre Strukturpläne. Konzepte wurden entwickelt und knüpften unter anderem an den Ideen von Emile Jaques-Dalcroze und Carl Orff an, die in der Rhythmik beziehungsweise in der Musik- und Tanzerziehung kontinuierlich weiterentwickelt worden waren. Nachdem in der Musikschulpraxis die so genannte Grundstufe (Musikalische Früherziehung und Musikalische Grundausbildung) bereits angeboten wurde, reagierten immer mehr Ausbildungsinstitute mit der Einrichtung entsprechender Studiengänge auf den steigenden Bedarf an qualifizierten Lehrkräften. Inzwischen gibt es an vielen Instituten Diplomstudiengänge über acht Semester mit einem eigenständigen Hauptfach Elementare Musikpädagogik, daneben existiert häufig auch die Möglichkeit, die "EMP" als Begleitfach zu belegen oder auf ein instrumentalpädagogisches Studium aufzusatteln.

Die zunehmende wissenschaftliche, pädagogische und künstlerische Durchdringung des Faches führte zu einer gewandelten Sicht seiner Methoden und Inhalte, die ursprünglich vor allem den Instrumentalunterricht vorbereiten sollten. Eine Entwicklung wurde eingeleitet, die ein Fach mit eigenem künstlerisch-pädagogischem Profil und einem altersübergreifenden Ansatz hervorbrachte. Auswirkungen dieser Neuorientierung auf die musikpädagogische Praxis sind deutlich wahrnehmbar, indessen besteht immer noch - oder immer wieder - Informationsbedarf. Die Entwicklungen verlangten den fachlichen Austausch der Ausbildenden. So wurde 1994 der "Arbeitskreis Elementare Musikpädagogik an Ausbildungsinstituten in Deutschland" (AEMP) in Leipzig gegründet, dem derzeit 45 Mitglieder aus 29 Instituten - überwiegend Musikhochschulen und Konservatorien - angehören. Der AEMP tagt zweimal jährlich und arbeitet an strukturellen und inhaltlichen Fragen des Praxis- und Studienfaches Elementare Musikpädagogik. Dieser Band vereinigt nun Aufsätze von Mitgliedern des AEMP zu einer ersten Buchpublikation und will damit Grundfragen der Elementaren Musikpädagogik reflektieren sowie die Breite der Anwendung dieses Faches praxisnah aufzeigen.

Offenheit und Prozesshaftigkeit charakterisieren viele der musikalischen und bewegungsmäßigen Aktionen in der Elementaren Musikpädagogik - offen und prozesshaft muss auch das Fach bleiben, um neue Impulse aufzunehmen und auszusenden. Es gehört zur Eigenart dieses Faches, nie "fertig", sondern immer auf dem Wege zu sein. So versteht sich auch dieses Buch als Wegmarkierung in einem Kontinuum, das von fachlichen Wandlungsprozessen ebenso bestimmt ist wie von übergreifenden Kunst- und Geistesströmungen. Der Fülle der auf dem Markt verfügbaren Unterrichtswerke und Materialbände soll hiermit eine Aufsatzsammlung an die Seite gestellt werden, die zur weiteren Fundierung des Faches beitragen möge.



Erfahrungen


Mit diesem Buch werden jahrelange Erfahrungen in Hochschullehre und Praxis weitergegeben - Erfahrungen, die sich als Frucht kreativer Auseinandersetzung mit dem Fach, den Studierenden, aber auch den vielen jungen und älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern der ungezählten Gruppen eingestellt haben mögen. Auch für die Teilnehmenden ist die Elementare Musikpädagogik dabei zum vielfältigen Erfahrungsraum geworden. Im besten Falle also fand hier ein wechselseitiger Erfahrungszuwachs statt. Die vielfältigen Angebote der Elementaren Musikpädagogik sollen im wahrsten Sinne des Wortes "erfahren" werden. Erfahrung kennzeichnet eine "Wegstrecke", die aktiv begangen worden und Teil des eigenen Entwicklungs- und "Lebensweges" geworden ist.

Die Teilnehmenden sammeln im Umgang mit ihrer Stimme, mit der Sprache, mit Körperbewegung und Instrumenten sowie beim aktiven Hören musikalische Erfahrungen. Diese verdichten sich zu Kompetenzen für klangliche und bewegungsmäßige Gestaltungen, zu Möglichkeiten der ästhetischen Begegnung von Individuum und Welt. Sie verdichten sich weiter zu subjektivem Erfahrungswissen, auf das auch weiter führende künstlerische Entwicklungsprozesse angewiesen sind. Auf dieser Basis kann ein begriffliches Raster als Möglichkeit zur verbindlichen Einordnung und eindeutigen Verabredung als ein "sekundäres Wissen" entstehen. Primäres Erfahrungswissen und sekundäres Wissen können eine enge Verbindung miteinander eingehen, wenn das primäre geachtet wird und nicht zum schnell beiseite zu legenden "Vorspann" oder methodischen "Trick" degradiert wird.

Die Erfahrungen im Miteinander von Kind und Elternteil stehen im Zentrum des Beitrags von Maria Seeliger. Dass die Elementare Musikpädagogik dabei bereits den Allerjüngsten Erfahrungen bieten kann, mag auch auf Skepsis stoßen. Wagt man sich jedoch offen für neue und andersartige Erfahrungen in das Praxisfeld hinein, kann sich der Argwohn aber, wie Iris Küspert darlegt, in überzeugtes Engagement verwandeln.

Jule Greiner reflektiert einen Unterrichtsprozess mit Vorschulkindern und versieht dabei die Beschreibung der einzelnen Aktionen Schritt für Schritt mit Erläuterungen zu Methodik und Zielsetzung.

Arbeit mit Grundschulkindern bedeutet nicht selten auch Arbeit mit unterschiedlichen Nationalitäten. Diesem Themenkomplex trägt der Artikel von Christine Hartman-Hilter Rechnung, dem einschlägige Erfahrungen im so genannten "sozialen Brennpunkt" zu Grunde liegen. Andrea Friedhofen beleuchtet die Arbeit mit Jugendlichen und stellt einen Ansatz vor, der darauf ausgerichtet ist, der Gruppe sozialpädagogisch intendierte Erfahrungen zu eröffnen. Dabei werden die Berührungen der Elementaren Musikpädagogik mit der Sozialpädagogik grundsätzlich thematisiert. Erwachsene wiederum haben bereits vielfältigste Erfahrungen im Leben gesammelt; indessen mögen manche frühen Erfahrungswelten wieder zugedeckt worden sein. Doch Charlotte Fröhlich setzt auf wiederauffindbare Fähigkeiten, zu denen man "sich herabübend" Zugang finden mag. Insuk Lee schließlich berichtet von seinen Erfahrungen mit Seniorinnen und Senioren und davon, dass Musik und Bewegung für Alte und Junge zur geteilten Erfahrung und nicht zuletzt auch zur beglückenden Erfahrung werden können.



Verbindungen


Erfahrungen verknüpfen sich miteinander und bilden ein tragfähiges Verbindungsnetz für die Integration weiterer Erfahrungen in ständig sich erweiternden Handlungsbezügen. So stellt sich der Lernprozess in der Elementaren Musikpädagogik als ein kontinuierlicher, an Komplexität gewinnender Verbindungsprozess dar, hinter dem jedoch noch tiefer gehende Aspekte von Verbindung auszumachen sind: Der Mensch kann in der Elementaren Musikpädagogik Verbindungen eingehen, die ihm Beziehungen auf drei Ebenen ermöglichen. Als erste Verbindung ist die von Mensch und Musik zu nennen, als zweite die von Mensch und Mensch und als dritte die vom Menschen zu sich selbst. Die Teilnehmenden sollen sich die Musik selbst zu Eigen machen, persönliche Anteile in die Gestaltung von Musik und Bewegung einbringen, eigene Ideen den anderen mitteilen beziehungsweise diese mit den Ideen anderer verbinden. Viele Praxisbeispiele in diesem Buch belegen den hohen Stellenwert von kommunikativen und interaktiven Prozessen in der Elementaren Musikpädagogik. Interaktionen erfordern eine hohe Aufmerksamkeit für sich selbst sowie für die Partnerinnen und Partner, sie schaffen Verbindungen zwischen den Beteiligten. Die Selbstwahrnehmung wird zudem noch durch Sinne und Fantasie ansprechende Unterrichtssituationen gefördert, in denen die Teilnehmenden Kontakt zu persönlichen Erlebnisbereichen aufnehmen können, die in normorientierten Lernvorgängen selten aufgerufen werden.

Über diese "internen" Verbindungen hinaus eröffnen sich Verbindungen der Elementaren Musikpädagogik zu verschiedenen anderen Praxisfeldern. Inzwischen liegen zahlreiche Erfahrungen mit solchen Verbindungen zwischen der Elementaren Musikpädagogik und anderen Fächern oder Themenbereichen vor. Diesen Verbindungen im Speziellen widmet sich der zweite Abschnitt des Buches.

In einer umfassenden Recherche und unter Berücksichtigung der relevanten Fachliteratur entfaltet Marianne Steffen-Wittek die Inhalte und Hintergründe der Rhythmik und stellt deren Impulse gerade auch für die Elementare Musikpädagogik dar. Besondere Aufmerksamkeit erfährt seit einiger Zeit die so genannte "Nahtstelle" zwischen der Elementaren Musikpädagogik und dem Instrumentalunterricht. Dass sich hier tatsächlich fruchtbare Verbindungen eingehen lassen, belegen die Ausführungen von Barbara Metzger.

Hingegen scheinen Elementare Musikpädagogik und Komposition zunächst recht weit auseinander zu liegen. Mancher mag bei den beiden Begriffen gar an einen möglichen Anfang und einen eventuellen Zielpunkt einer musikalischen Ausbildung denken. Andrea Kampelmann geht es dagegen darum, schon Kindern und Jugendlichen weitgehend unabhängig von spezialisierender Vorbildung Wege zum Komponieren zu eröffnen. Auch für die Konzertpädagogik scheint eine Orientierung an der Elementaren Musikpädagogik lohnend zu sein, wie Barbara Stiller mit ihrem Konzept eines Kinderkonzerts aufzeigt. Sibylle Endris-Lüttmann nimmt sich des Kindermusiktheaters an, das besonders in der Endphase einer Gruppe - oder auch im Anschluss an einen regulären Kurs als spezielles Unterrichtsangebot - Prozesse des Erfahrens, Erprobens und Erfindens mit solchen des Einübens, Ausfeilens und Aufführens verbinden kann. Auch aus der Beschäftigung mit Bildender Kunst erwachsen Impulse für musikpädagogische Arbeit; andersherum können musikalische Erfahrungen in bildnerisches Gestalten einmünden. Ingrid Engel wirbt mithin für die Begegnung der Künste im Gestaltungsprozess. Ludger Kowal-Summek thematisiert schließlich das Märchen in seiner Bedeutung für das kindliche Erleben. Inhaltliche und didaktische Aspekte, die auch für die Elementare Musikpädagogik Relevanz besitzen, werden mittels vielfacher Literaturbezüge ausführlich ausgebreitet.



Hintergründe


Je tiefer das Verbinden und Reflektieren von Erfahrungen dringt, umso mehr nähert man sich allgemeineren Hintergründen. Erfahrungen verbinden sich, schaffen ein komplexes Netzwerk und wecken die Motivation, Hintergründe zu durchleuchten und tiefer zu verstehen. Die Aufsätze im dritten Teil des Buches greifen relevante Fragenkomplexe auf und leisten auf je spezielle Weise Beiträge zur Fundierung des Faches. Die Bearbeitung von "Hintergründen" der Elementaren Musikpädagogik kann hier nur punktuell erfolgen, zu groß ist die Anzahl der dem Fach verbundenen Wissenschaften und zu rudimentär ist der Forschungsstand. Trotzdem scheint es geboten, neben der Breite an Möglichkeiten, die das Fach in der praktischen Arbeit bietet, sich immer wieder Hintergründe zu erschließen - Hintergründe, die einem tieferen Fachverständnis dienen und die Breite der Anwendung stützen und stabilisieren.

Zunächst steht im Text von Vroni Priesner und Doris Hamann der künstlerische Gestaltungsprozess im Fokus der Aufmerksamkeit. Sichtbar werden vielerlei Querverbindungen zwischen der jüngsten Entwicklung der Künste und der Elementaren Musikpädagogik als künstlerisch-pädagogischem Fach. Die besondere Rolle der Bewegung für die Elementare Musikpädagogik scheint in vielen der Beiträge auf. Renate Dummert geht die Thematik noch einmal grundsätzlich an und spannt den Bogen von entwicklungspsychologischen Überlegungen bis zur praktischen Arbeit.

Als zentrale Kategorie didaktischen Handelns verlangt der Begriff der "Methode" Klärung und Diskussion. Im Hinblick auf die Elementare Musikpädagogik nimmt sich Werner Beidinger des häufig unklar verwendeten Terminus an. Zuletzt setzt sich Werner Rizzi mit dem Begriff der "Ganzheitlichkeit" auseinander, der auch im Zusammenhang mit der Elementaren Musikpädagogik oftmals assoziiert wird, ohne dass er dabei weiter hinterfragt oder eindeutig gefasst würde.

Eingeleitet werden die Artikel durch eine Standortbestimmung des Faches, die Juliane Ribke vornimmt, womit sie gewissermaßen den Ausgangspunkt der folgenden Beiträge absteckt. Am Ende des Buches steht eine Verortung des Faches im "anthropologischen Bedingungsfeld", mit der Michael Dartsch wissenschaftliche Zugänge zum Menschen für die Elementare Musikpädagogik auszuwerten sucht.

Den Leserinnen und Lesern sei gewünscht, dass manches hier Angesprochene zu eigenen Erfahrungen anregen mag, dass sich in der Fülle verschiedener Themen und Fragen Verbindungen zur eigenen Arbeit auffinden lassen, und dass die hier dargestellten Beispiele und Hintergründe zum Weiterdenken anregen.



Januar 2002

Juliane Ribke, Michael Dartsch




 
   


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