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Vorwort


Welches Verhalten zeigt der Mensch aufgrund welcher Beweggründe? Warum verhält sich der Mensch in einer bestimmten Situation so und nicht anders? Diese Fragen stellt sich nicht nur die Psychologie. Die Medizin fragt nach den hinter einer Krankheit verborgenen Gründen, die Soziologie nach gesellschaftlich bedingten Ursachen, die noch junge Rehabilitationswissenschaft nach den Ursachen eines pathologischen Verhaltens und den Zielen der Therapie. Noch viele andere Disziplinen versuchen, forschend und erkenntnisgewinnend das Verhalten des Menschen zu ergründen.

Den neuro- und rehabilitationswissenschaftlich Tätigen stellt sich die Frage, warum sich ein gehirnverletzter Mensch so und nicht anders verhält. Die Neurologie versucht, durch Einblicke in die Anatomie und Pathologie sowie in die Funktionsweise des Gehirns Antworten darauf zu geben. Die Medizin mit ihren operativen und medikamentösen Möglichkeiten scheint prädestiniert dafür, das Gesundungsverhalten des Menschen maßgeblich zu beeinflussen. Davon sind zumindest die meisten von uns überzeugt, wenn es auch leider nicht so ist. Denn auch die Medizin gerät in Erklärungsnot, wenn es darum geht, Verhaltensphänomene zur Kenntnis nehmen zu müssen, die aufgrund des bisherigen Kenntnisstandes "nicht erklärbar" sind.

Familienangehörige fragen sich, ob der wachkomatöse Mensch wahrnimmt oder nicht, ob er die Ansprachen hört und versteht, die an ihn gerichtet werden. Obwohl er keine beobachtbaren Reaktionen oder initiative Handlungen zeigt, wissen wir aus den Beschreibungen von gesundeten, ehemals wachkomatösen Patienten, dass viele von ihnen sehr wohl wahrnehmen, empfinden, erinnern und geistig verarbeiten können.

In meiner sprachrehabilitativen Arbeit beschreiben Familienangehörige ihre tage-, wochen-, monatelangen Bemühungen, den wachkomatösen Partner durch eine intensive Kommunikation zu Reaktionen zu bewegen. Aus dem Blickwinkel des Betroffenen heißt das, als Antwort auf die Ansprache durch die Angehörigen zu initiativen, eigenen Handlungen zu kommen, also neuronal inventarisierte Kompetenzen zu mobilisieren und damit neue Wege zu gehen durch das bestehende, traumatisierte neuronale Netzwerk von Aber-Milliarden von Nervenfaserverbindungen.

Die Angehörigen fragen sich: Wie können wir ihm dabei helfen? Was können wir tun? Wie sollen wir uns verhalten? Diejenigen, die professionell mit diesen Fragen beschäftigt sind und rehabilitationsfördernd reflektieren und erfahrungsbegründete Antworten suchen, fragen sich: Was kann förderlich wirken, was kontraproduktiv? Ist es eine liebende Umgebung, das Gefühl, nicht verlassen worden zu sein in dem nun völlig neuen Zustand des Daseins und der Existenz und sich geborgen zu fühlen bzw. zu wissen?

Was sind die Gründe dafür, dass es die einen Betroffenen nicht schaffen, die anderen wohl? Sind es die Reorganisationspotentiale des Gehirns, die je nach Schweregrad der Verletzung in dem einen Fall ausreichen, in dem anderen nicht? Sicherlich auch, doch das allein kann nicht die letztendliche Erklärung sein für das Gelingen oder Scheitern. Wenn wir davon ausgehen, dass jedes (verletzte) Gehirn sich selbst organisieren und steuern kann und dabei auf Reize von außen angewiesen ist, stellt sich doch die Frage, welche Reize bei diesen Prozessen fördernd wirken, welche weniger oder gar nicht?

Wir müssen, so lange nicht das Gegenteil bewiesen ist, davon ausgehen, dass gewisse, reizsetzende Umstände den Betroffenen dazu bringen, nach einiger Zeit wieder aktiv zu werden. Sind es äußere Umstände wie der Aufenthaltsort, die Art der Behandlung, der kommunikative Umgang usw.? Oder sind es innere Umstände wie die Besonderheit und Schwere der Verletzung oder die jeweiligen psychischen Kräfte des Betroffenen? Ist es der Überlebenswille oder das individuell funktionierende Denken? Oder der Ehrgeiz, die Willensstärke, die Intelligenz oder gar der Charakter des Betroffenen? Sind es die kommunikativen und gefühlvollen Kontakte oder können es u. U. die quasi entseelten Zwangsbegegnungen im total gestressten Alltagserleben sein?

Wir wären einen großen Schritt in der Rehabilitation wachkomatöser Patienten weiter, hätten wir eindeutige Antworten auf diese Fragen. Wir wissen gerade in Bezug auf die inneren Umstände noch weniger als über die äußeren. Dennoch erscheint es aus rehabilitativer Sicht unbestritten, dass das Innenleben für eine Aktivierung der neuronalen Potentiale und damit des hirnverletzten Menschen verantwortlich ist.

Selbst diejenigen, die sich professionell mit hirnverletzten Menschen beschäftigen, waren lange Zeit überzeugt, dass derjenige, der sich nicht bewegt, nichts bewegen kann und kaum Aussicht auf Verbesserung seines Status hat, dass derjenige, der nicht reagiert, nichts wahrnimmt und nicht versteht, dass derjenige, der nicht kommuniziert bzw. spricht, nicht in der Lage ist zu denken. Heute können wir feststellen, dass diese Klischees offenkundig nicht zutreffen. Wir können aus der Beobachtung von hirnverletzten Menschen zwar keine beweiskräftigen und allgemeingültigen Aussagen machen, wir können aber verständnisvermittelnde Bilder entwickeln. Durch intensive Beobachtungen können wir uns hineinfühlen in ihr geheimnisvolles, andersartiges Verhalten und über ein einfühlendes und kommunizierendes Annähern an ihr Innenerleben mit ihnen in einen Dialog treten.

Dialoge ohne Sprache sind möglich. Das vorliegende Buch gibt uns in vortrefflicher Art Einblicke in die Zwiegespräche einer sprechenden Frau und eines wachkomatösen Mannes, der nur mit seinen Augen spricht. Sie beschreibt ihre Gedanken, Empfindungen, Ängste und Beobachtungsinterpretationen in faszinierender Offenheit und macht uns Lesern Mut, einen besonderen Umgang mit den Betroffenen zu pflegen, denn diesen benötigen sie.

Klaus Dörner, Mediziner und Medizin-Ethiker, schreibt: "Wenn ich mich einem Wirklichkeitsbereich aussetze (...), dann ergibt sich aus der Vollständigkeit meiner Wahrnehmung, dass jeder Wirklichkeitsbereich aus harten und weichen Daten besteht (...), aus Rationalisierbarem und Nichtrationalisierbarem, aus Aussprechbarem und Unaussprechbarem (...). Soll nun meine Annäherung möglichst vollständig sein, empfiehlt es sich, mit den weichen Daten, mit dem Nichtrationalisierbaren, mit dem Unaussprechlichen, dem Schweigen zu beginnen. Denn beginne ich mit den harten Daten (...), mache ich automatisch durch eben diese meine Schrittfolge die weichen Daten zu einem lästigen, schwer erträglichen "irrationalen Rest", den ich als Wissenschaftler aus meinem wissenschaftlichen Wirklichkeitsbegriff streiche oder den ich als Arzt aus meiner Verantwortlichkeit ausgrenze." (Dörner, Klaus. Der gute Arzt. Stuttgart 2001. S. 11)


Dr. Volker Middeldorf
Leiter des Logopädischen Behandlungs-
und Rehabilitationszentrums Lindlar
Lindlar, April 2002



 
   


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