Vorwort
Während die große russische erzählende Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet seit langem viel gelesen worden ist und eine breite und tiefe Wirkung entfaltet hat, ist die russisch-sprachige Poesie hier nicht in gleicher Weise bekannt geworden. Zwar haben einige russische Dichter auch bei uns Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden. Aus dem »goldenen Zeitalter« der russischen Dichtung, dem Beginn des 19. Jahrhunderts, sind Puškin und Lermontov außer durch ihre Prosawerke auch durch einige ihrer Gedichte und Verserzählungen bei uns bekannt geworden; ebenso einige Dichter des 20. Jahrhunderts: Aleksandr Blok und Osip Mandelštam, Sergej Esenin und Boris Pasternak und die Dichterinnen Marina Cvetaeva und Anna Achmatova.
Dagegen ist auch den literarisch Gebildeten im deutschen Sprachgebiet ein in Rußland hochgeschätzter Dichter des 19. Jahrhunderts, Fëdor Ivanovič Tjutčev (1803-1873) meist nicht einmal dem Namen nach bekannt. Dabei hätten wir in Deutschland ganz besonderen Grund, unsfür ihn zu interessieren. Von 1822-1844 lebte er im Ausland, hauptsächlich in München. In seinen beiden Ehen war er mit hochkultivierten Frauen aus dem deutschen Adel verheiratet. Er stand in freundschaftlichen Beziehungen zu hervorragenden Vertretern des deutschen Geisteslebens, u.a. zu Schelling und Heinrich Heine, und lebte in der Gedankenwelt und in der Dichtung des deutschen Idealismus und der deutschen Romantik. Viele deutsche Gedichte hat er ins Russische übertragen, vor allem solche von Goethe, Schiller und Heine. Dabei hat er die Weltanschauung und die Dichtweise der deutschen Klassik nicht nur aufgenommen und sich zu eigen gemacht, sondern er hat sie schöpferisch weiterentwickelt und hat seinen Gedanken, seinen Gefühlen und seinem persönlichen Erleben in völlig eigenständigen, formvollendeten, meist ziemlich kurzen Gedichten eindringliche sprachliche Gestalt verliehen.
Aus seinen annähernd vierhundert erhaltenen Gedichten werden in dem vorliegenden Band etwa einhundertfünfzig, die zum »goldenen Schatz« der russischen Lyrik gehören, im russischen Urtext und in deutscher Übersetzung dargeboten. Die Übersetzung versucht, die Struktur, den Klang und die Gestimmtheit des Originals möglichst genau wiederzugeben. Anmerkungen geben Hinweise zur Entstehung der einzelnen Gedichte, zu ihrem »Sitz im Leben« des Dichters und Hilfen zu ihrem sachlichen Verständnis.
Der Titel dieses Buches ist die Anfangszeile eines der berühmtesten Gedichte Tjutčevs (Nr. 290 in unserer Sammlung); seine innige Liebe zum Meer, seine Auffassung von der Allbeseeltheit der Natur und sein Empfinden für die tragische Situation des Menschen, der, dem »Trug der Freiheit« hingegeben, nicht einstimmen kann in den »allgemeinen Chor«, den alle Dinge singen - all dies kommt in dem Gedicht zu vollendetem Ausdruck. Als Titelbild haben wir das ähnlich gestimmte Gemälde »Mönch am Meer« des deutschen Malers Caspar David Friedrich aus dem Jahre 1806 gewählt. Es mag gleichzeitig hinweisen auf die überaus enge Beziehung Tjutčevs zur deutschen Kultur.
Im kommenden Jahr 2003 jährt sich der Geburtstag Tjutčevs zum 200. Male. Aus diesm Anlaß wird man nicht nur in Rußland, sondern auch in vielen anderen Ländern unseres Kulturkreises (und vielleicht auch darüber hinaus) dieses großen lyrischen Dichters in Verehrung und Dankbarkeit gedenken. Ich hoffe, daß die vorliegende Ausgabe seiner Gedichte dazu beiträgt, daß dies Kleinod der russischen Kultur auch im deutschen Sprachraum die ihm gebührende Aufmerksamkeit, Anerkennung und Wertschätzung erfährt.
Die Druckvorlage zu diesem Buch schrieb Frau Isolde Schroh, M. A., vom Dolmetscherinstitut der Universität Heidelberg, wofür ich ihr sehr herzlich danke.
Ich widme es dem Andenken an meinen vor 25 Jahren verstorbenen Lehrer Dmitrij Tschižewskij, der mich in das Werk Tjutčevs eingeführt, es mich kennen und lieben gelehrt hat.
Tübingen, im September 2002 Ludolf Müller