VORWORT ZUR
ZWEITEN AUFLAGE
Fünf Jahre nach seinem Erscheinen auf Deutsch wird "Die Macht der Metaphern" neu aufgelegt. Dies lässt sich als unmissverständlicher Beleg dafür lesen, dass das metaphorische Lernen die erlebnispädagogische Landschaft in nachdrücklicher Weise imprägniert und verändert hat.
Noch immer fasziniert Bacons Konzept des metaphorischen Lernens als Versuch, zwei so unterschiedliche Ansätze wie die Konstruktion isomorpher Settings einerseits und die Manifestation der Archetypen in der Natur andererseits miteinander zu amalgamieren. Die erlebnispädagogische Praxis hatte die Baconsche Emulsion allerdings längst wieder einer chemischen Zersetzung unterzogen. Es sind im deutschsprachigen Raum in erster Linie die wirtschaftsorientierten Outdoor Trainings, die sich von der Arbeit mit konstruktierten isomorphen Settings im Stile von Simon Priest und Mike Gass gewisse Gewährleistungen für den eingeforderten Transfer erhoffen. Einige andere europäische Protagonisten wie Martin Schwiersch, Chris Loynes oder die Wildnisschule, Schweiz setzen dagegen zunehmend auf die Arbeit mit Mythen und Archetypen. Hier wird Persönlichkeitsentwicklung zu einem menschheitlichen Projekt, das ohne spirituelle Dimension nicht auskommen kann.
Was ist in der Zwischenzeit in der Theoriebildung geschehen? In jeder Hinsicht: eine Menge. Mittlerweile sollte jeder Erlebnispädagoge und jede Erlebnispädagogin verstanden haben, dass es mit Metaphern nicht so einfach wie mit Nutella ist: nicht überall, wo Metapher draufsteht, ist auch Metapher drin. Über 2000 Jahre Begriffsgeschichte - die Metapher ist ein schillernder, vielsagender, uneindeutiger Begriff, der sich nicht zurechtdefinieren lässt. Der Internationale Kongress "erleben und lernen", der 1998 zum Thema stattfand1, versammelte höchst unterschiedliche Auffassungen bei Praktikern wie Theoretikern.
Eine Stimme, die man mit dem Begriff des offenen metaphorischen Lernens benennen kann, lässt einen spezifisch europäischen Ton hören. Sie wird besonders akzentuiert durch den Belgier Johan Hovelynck2, durch Rüdiger Gilsdorf und durch einige meiner eigenen Beiträge3. Entgegen der Auffassung, die sich von konstruierten Metaphern größtmögliche Effektivität der Kurse erhofft, wird beim offenen metaphorischen Lernen davon ausgegangen, dass die Konstruktionen der Trainer/innen oft genug dem eigentlichen
Lernprozess geradezu im Wege stehen. Vielmehr muss es darum gehen, die Bilder, Metaphern und Glaubenssätze, mit denen die Teilnehmenden ihren Wahrnehmungen und Lebensäußerungen Sinn verleihen, überhaupt erst zu Tage zu fördern. Es gilt demnach, Lernfelder weit und offen zu machen, anstelle sie durch Konstruktionen vorzudefinieren, zu fokussieren und eng zu machen. Es gehört zu den erlebnispädagogischen Urintuitionen und Grundsätzen, dass Lernen emanzipatorisch und selbstgesteuert sein soll. Doch ist es das noch, wenn die Teilnehmer gerade noch die Eier finden dürfen, die die Kursleiter vorher kunstsinnig versteckt haben?
Den aktuellen Stand könnte man in der folgenden Übersicht kurz zusammenfassen:
Metaphorische Lehr-Lernmodelle
| Trainerzentrierte Metaphern | |
| • | rhetorischer Metaphernbegriff | |
| • | direktives Lehrmodell | |
| • | Kurs als Abbild des Alltags | |
| • | Akzent auf Transfer | |
| • | Konsens als Basis | |
| • | Archetypen | |
| • | Universalismus, Antihistorismus | |
| • | Initiation als Strukturmodell | |
| • | Rituale | |
| • | Wechselseitiges Lehren und Lernen | |
| • | Natur und Mythen als Basis | |
Offenes metaphorisches Lernen
| • | pluraler Metaphernbegriff | |
| • | teilnehmerzentrierte Metaphern | |
| • | Orientierung an Individualität | |
| • | offenes Lernfeld schaffen | |
| • | Metaphern: historisch, sozial, kulturell bedingt | |
| • | Ästhetik der Metaphern würdigen | |
| • | Achtung möglichen Widerstreits als Basis | |
Mein eigener Ansatz hat sich nach Jahren der Beschäftigung mit dem Themenkreis des metaphorischen Lernens ebenfalls präzisiert. Für mich ist offenes metaphorisches Lernen ästhetisch durchgefärbt. Das schlägt sich unmittelbar im methodischen Repertoire nieder. Die Metapher fällt nicht umsonst in den geistigen Herrschaftsbereich der Ästhetik. Von hier aus kann metaphorisches Lernen befruchtet werden: ob dies bei einem Projekt Schneekunst stattfindet, bei dem junge Männer gigantische Schnee-Eier in einen nicht minder gigantischen "Adlerhorst" platzieren, ob dies bei einer Malaktion geschieht, bei der eine Höhlenperspektive die verschiedenen Sichtweisen der Teilnehmenden offenbart, oder ob es sich dabei um Steve Bowles kurios anmutende Idee handelt, dass die Jugendlichen sich die Landkarte um ihren Standort herum durch das Singen eines selbstgedichteten Lieds erschließen - "singing the map". Immer geht es darum, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem offenen Lernraum dazu angeregt werden, sich mit ihren Metaphern auseinanderzusetzen. Mit den Metaphern, von denen sie leben. Und mit den Metaphern, mit denen sie künftig leben wollen.
| 1 | Schödlbauer, C. et al. (Hrsg.): Metaphern - Schnellstraßen, Saumpfade und Sackgassen des Lernens", Augsburg 1999 | |
| 2 | Hovelynck J.: A Dutch reading of the metaphoric model. In: Frank L. (ed.): Seeds for change: AEE 23rd international Conference proceedings. AEE, Boulder 1995 Hovelynck, J.: Handlungstheorien erkennen und entwickeln - Ein theoretischer Unterbau zum Workshop. (Übs. C. Schödlbauer) In: erleben & lernen e&l 3&4 1999, S. 42-50 (Hovelynck 1999a) Hovelynck, J.: Erfahrungslernen und Erlebnispädagogik als Prozeß der Metaphernentwicklung. In: Schödlbauer, C. et al. (Hrsg.): Metaphern • Schnellstraßen, Saumpfade und Sackgassen des Lernens. Augsburg 1999, S. 192-207 (Hovelynck 1999b) | |
| 3 | Schödlbauer, C.: Metaphorisches Lernen in erlebnispädagogischen Szenarien. Eine Untersuchung über handlungsorientierte Lehr-Lern-Prozesse. Hamburg 2000 | |
Christian Itin: Vorwort zur deutschen Übersetzung von
Die Macht der
Metaphern
Stephen Bacons "Die Macht der Metaphern" ist ein Buch das auf vorkommene Weise Thomas Kuhns Begriff des Paradigmenwechsels (Kuhn 1962) illustriert. Das Buch exemplifiziert zum einen den Paradigmenwechsel der m den späten 70er und den frühen 80er Jahren in der Outward Bound Schule von Colorado vollzogen wurde, zum anderen leistete es einen großen Beitrag zur kontinuierlichen Weiterentwicklung im Bereich der erlebnisorientierten Lehrpraxis. 3 Outward Bound war selbst schon immer eine Metaphern und immer schon beschäftigte es sich mit Metaphern. Kurt Hahn wußte genau, welche Metapher er der Schule verpaßte, indem er sie mit einem Namen aus der Seefahrt belegte der so viel wie "den sicheren Hafen zu verlassen" bedeutete. Hahn wollte durch die Sprache des Meeres lehren, nicht die See, die in ihrer Essenz eine Metapher ist, als Lehrgegenstand unterrichten. In einigen Schriften über Hahn wird deutlich, daß er dazu animiert wurde, ein Programm zu entwickeln, das "das moralische Äquivalent zum Krieg" (James 1995) darstellen sollte Metaphern hatten und haben einen zentralen Stellenwert bei Outward Bound und im Grunde genommen in jedem erlebnisorientierten pädagogischen Programm.
Dennoch wurden diese Metaphern in den Anfangsjahren von Outward Bound und von all den anderen erlebnispädagogischen Anbietern selten direkt gebraucht. Vielmehr ließ man sie einfach existieren und auf einer Ebene wirken, die hauptsächlich unbewußt war. Als die Programme von Outward Bound ausgeweitet wurden und sich weiterentwickelten, traten gleichzertig zwei Phänomene auf den Plan, die die Entstehung dieses Buches stark beeinflußten. Zum einen wuchs das Bewußtsein für den Transfer des in den Outdoors Gelernten in das Alltagsleben der Teilnehmer. Zu dieser Zeit waren der Leiter von Outward Bound Colorado, Gerald Golins und der langjährige Mitarbeiter Victor Walsh sehr damit beschäftigt, diesen Transfer zum definieren (Walsch,Golins, 1976). Stephen Bacon, der gerade sein Promotionsstudium in Psychologie absolvierte, war in diesen Prozeß aktiv eingebunden.
Zum zweiten wurden Outward Bound und in der Tat alle erlebnisorientierten Programmtypen in zunehmendem Maß für spezielle Zielsetzungen verwendet. Diese umfaßten den Bereich der Gesundheitspflege, die Arbeit mit Straffälligen, Managementtraining und die Arbeit mit vielen anderen Gruppierungen. Diesen beiden treibenden Kräften ist es zu verdanken, daß man sich in der Praxis damit auseinandersetzen mußte, wie man die Metaphern, die Outward Bound innewohnen, auf sinnvolle Weise einsetzen könnte. Eines der wichtigsten Programme, mit denen sich Outward Bound Colorado damals beschäftigte, war ein Projekt mit der Suchtabteilung des St. Lukes Krankenhauses. Diese viertägigen Programme wurden speziell darauf zugeschnitten, die Suchtbehandlung im Krankenhaus zu ergänzen. Solche Intensivprogramme erforderten ein bewußteres und zielstrebigeres Vorgehen, wenn man den Transfer des Gelernten steigern wollte. Die Ideen, die im Rahmen dieses Programms entwickelt wurden, fanden Eingang in Bacons Denken, so wie sie andererseits von seinem Denken geprägt wurden.
Stephen Bacons Buch erfaßte vollständig die Kräfte und Ideen, die zur damaligen Zeit bei Outward Bound entwickelt wurden, und wie er in seinem Vorwort vorhersagte, leistete es einen wichtigen Beitrag zur Evaluation in diesem Bereich. Man braucht nur die Arbeiten von Michael Gass (1985, 1991), von Lee Gillis und Mike Gass (Gillis & Gass, 1993; Gass & Gillis, 1995) oder meine eigenen Schriften (Itin, 1993, 1995) zu lesen, um die Einflüsse von Stephen Bacon und seinem Buch im einzelnen zu erkennen. Es hat zu einem wesentlichen Teil die Diskussion der letzten 15 Jahre geprägt und alles deutet darauf hin, daß es die Diskussion auch weiterhin prägen wird. Die echte Kraft und Langlebigkeit der Ideen in diesem Text und die Wirkung auf die Erlebnispädagogik werden selbst noch durch diejenigen weitergetragen, die Outdooraktivitäten metaphorisch anleiten, ohne dieses Buch je gelesen zu haben. Wenn ein Buch Menschen beeinflußt, die es nicht gelesen haben, dann handelt es sich wahrhaft um einen wichtigen Text. Dennoch ist es auch ein Indiz für ein Problem in unserem Arbeitsbereich, wenn die Kursleiter, die auf diese Weise arbeiten, mit dem Originaltext nicht ganz vertraut sind. Dank dieser Übersetzung ins Deutsche werden die Europäer Gelegenheit bekommen, die Kraft dieses Texts für sich zu entdecken. Außerdem wird der Leser, der das im Buch dargebotene Material vollkommen verstehen will, dazu ermutigt, sich mit den darin erwähnten Autoren zu beschäftigen, die Bacon beeinflußt haben.
Eine Sorge, die aus den Gedanken dieses Buches erwuchs, bezieht sich auf die doktrinäre Natur der Metapher oder auf die Tatsache, daß es der Kursleiter ist, der die metaphorische Deutung festlegt. Neueste Arbeiten von Hovelynck (nach einem persönlichen Gespräch im Juli 1997) warfen die Frage nach Metaphern auf, die von den Klienten hervorgebracht werden. Meine eigene Arbeit, die die Eriksonsche Psychotherapie mit der Hypnotherapie (eine der informativen Quellen, die Bacon zitiert) verbindet, thematisierte ihrerseits den Gebrauch, den man vom Idiolekt des Klienten machen kann. Dennoch, es ist wichtig, diese Arbeiten nicht als Widerlegungen von Bacons Ideen zu betrachten, sondern eher als Ergänzungen, Verfeinerungen und Weiterentwicklungen der grundlegenden Gedanken, die in diesem Text präsentiert werden.
Die Zukunft wird wahrscheinlich weiterhin eine Ausdifferenzierung und Weiterentwicklung der metaphorischen Deutungen von Aktivitäten in erlebnispädagogischen Curricula bringen. Die besondere Richtung dieser Weiterentwicklung ist schwer vorherzusagen. Dennoch bin ich davon überzeugt, daß die Europäer die künftige professionelle Richtung deutlich beeinflussen werden. Das Arbeitsfeld entstand in England, wanderte in die Vereinigten Staaten und hat sich jetzt deutlich in Europa etabliert. Es war spannend, dieses Wachstum zu beobachten. Ich würde mich freuen, wenn der Umstand, daß dieser wichtige Text auf Deutsch verfügbar ist, dazu beitrüge, die Entwicklung weiter zu beflügeln.
Christian M. Itin, M.S.W., Ph. D.
Denver, Colorado
Gass, M. (1985). Programming the transfer at learning in adventure education. Journal of Experiential Education. 10 (3), 18-24 Gass, M. (1991). Enhancing metaphor development in Adventure therapy programs. Journal of Experiential Education. 14 (2), 6-13 Gass, M. and Gillis, H. L. (1995). Focusing on the "solution" rather than on the "problem": Empowering dient change in adventure experiences. Journal of Experiential Education, 21 (2), 63-69
Gillis, H. L. and Gass, M. A. (1993) Bringing adventure into marriage and family therapy: an innovative experiential approach. Journal of Matrial and Family Therapy, 19 (3), 275 - 88
Itin, C. (1993). Linking Ericksonian methods to adventure therapy: Application of the diamond model to adventure therapy. In Wurdinger, S. & Gass, M. (Eds.), Partnerships: Proceedings of the 21st International Conference of Experiential Education (pp. 33 - 45). Boulder, CO: Association for Experiential Education
Itin, C. (1995). Utilizing hypnotic language in adventure therapy. The Journal of Experiential Education, 18 (2), 70 - 75 James, T. (1995). Sketch of a moving spirit: Kurt Hahn. In Warren, K., Sarkofs, M. and Hunt Jr., J.S. (Eds.) The Theory of Experiential Education (3rd ed.) (pp. 75 - 95). Dubuque, IA: Kendall / Hunt Kuhn, T.S. (1962), The structure of scientific revolutions. Chicago: University Press
Vorsorgliches Vorwort
Zu einem Verständnis der Natur unseres Angebots zu gelangen, ist ein notwendiger Schritt, um die Effektivität unserer Arbeit zu steigern. Ironischerweise klafft gerade dort unsere größte Wissenslücke, wo es um die Frage geht, wie man denn eigentlich lernt bei Outward Bound. Diese Wissenslücke behinderte unsere Möglichkeiten, Kursleiter in den sogenannten "soft skills", also jenen Fähigkeiten, die eigentlich die Persönlichkeitsentwicklung des Lernenden unterstützen, sowohl weiterzubilden als auch zu beurteilen. Dadurch, daß ein verständlicher Bezugsrahmen fehlte, wurde der gelegentliche Einsatz dieser "soft skills" irregeleitet. Stephen Bacon ist es jedoch gelungen, diesen Sachverhalt beträchtlich zu erhellen.
Stephen versichert uns, daß wir lernen, indem wir vergangene Erfahrungen mit gegenwärtigen verknüpfen und dabei danach streben, unser Bild von Wirklichkeit entweder zu bestätigen oder neu zu organisieren. Im wesentlichen Sinn besteht die metaphorische Funktion darin, eine Erfahrung für etwas anderes in unserem Leben, wie etwa für unsere Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren, für unsere Vertrauenswürdigkeit oder unser Durchhaltevermögen angesichts von Schwierigkeiten, eintreten zu lassen. Zu seiner Zufriedenheit sind Outward Bound Kurse heute so strukturiert, daß den Lernenden eine ungewöhnliche Vielzahl von potentiell stärkenden Metaphern zur Verfügung gestellt wird. Es ist freilich nicht garantiert, daß die Lernenden diese Metaphern annehmen, aber sie müssen ihren Bedürfnissen angemessen sein. Hierin liegt die Kunst der Anleitung: den Schülern Erfahrungen zu vermitteln, die ihre Fähigkeiten fördern, für sich und andere Verantwortung zu tragen. Viele Bemühungen von Stephen sind darauf ausgerichtet, das Bewußtsein der Kursleiter für diese Kunst zu steigern.
Die Neuheit seiner Erkenntnisse sollte uns dazu bringen, unsere Praktiken zu überprüfen. Seine Behauptung, daß Metaphern unbewußt gelernt oder verinnerlicht werden, richtet sich zum Beispiel gegen unsere weitverbreitete Praxis, von den Lernenden zu erwarten, daß sie die Bedeutung ihres Outward Bound Kurses verbalisieren. Vielleicht ist ihnen das gar nicht möglich. Lieber soll ein Kursleiter sein Augenmerk auf die Verhaltensänderungen legen, als sich so starr auf die Fähigkeit des Lernenden verlassen, solch eine Veränderung zu artikulieren.
Stephens Vision paßt zu meiner Erfahrung von Outward Bound und sie war der Vertiefung meiner Kenntnisse in der Kunst und Praxis, Outward Bound Schüler anzuleiten, förderlich. Möge sie auch der Verbreiterung Ihrer Fähigkeiten dienen.
Abschließend möchte ich für den großzügigen Beitrag der Marie Baier Stiftung Dank sagen, die diese Arbeit erst möglich machte.
Gerald L. Golins, Direktor
Colorado Outward Bound School