VORWORT
In seiner »Vergleichung des ästhetischen Werts der schönen Künste untereinander« (Kritik Der Urteilskraft, § 53) läßt Kant die Musik nicht eben gut wegkommen: die Tonkunst vermittle nur Empfindungen »von transitorischem Eindrucke«, sie bewege »bloß vorübergehend«. Ja, schlimmer noch: die von der Musik ausgelösten Empfindungen »erlöschen entweder gänzlich oder, wenn sie unwillkürlich von der Einbildungskraft wiederholt werden, sind sie uns eher lästig als angenehm.« Somit habe die Musik, »durch Vernunft beurteilt, weniger Wert als jede andere der schönen Künste.«
Das abwertende Vernunfturteil des Königsberger Philosophen müßte so manchen Opernfreund betrüben, denn es findet mit gleichem, wenn nicht größerem Recht auch auf Darstellungskunst und Oper seine Anwendung. Doch schon der Kantianer Schiller kam zu ganz anderen Schlüssen - ihm nötigte der »Geist in seiner flüchtigsten Erscheinung« (im Prolog zum WALLENSTEIN, hier auf das Theater bezogen) den größten Respekt ab: »Denn schnell und spurlos geht des Mimen Kunst, / Die wunderbare, an dem Sinn vorüber, / Wenn das Gebild des Meißels, der Gesang / des Dichters nach Jahrhunderten noch leben. ... Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze, / Drum muß er geizen mit der Gegenwart, / Den Augenblick, der sein ist, ganz erfüllen, / Muß seiner Mitwelt mächtig sich versichern, / Und im Gefühl der Würdigsten und Besten / Ein lebend Denkmal sich erbaun - so nimmt er / Sich seines Namens Ewigkeit voraus, / Denn wer den Besten seiner Zeit genug / Getan, der hat gelebt für alle Zeiten.«
So oder s die Vergänglichkeit der künstlerischen Hervorbringung bleibt ein Manko, an dem nicht zuletzt die historiographische Wissenschaft sich abzuarbeiten hat. Doch früher schon - vor aller Wissenschaft - wird es im wägenden Gespräch unter Musik- und Opernfreunden manifest. Um sich gegen die Flüchtigkeit der theatralischen oder musikdramatischen Kunst zu wappnen, ersann man im Laufe der Zeit verschiedene Strategien; sie lassen sich anhand der Geschichte der Bayreuther Festspiele trefflich nachvollziehen. Nach dem Tode Richard Wagners - dessen Werk Ursprung und Zweck der Festspiele ist - bestand die vornehmlichste Strategie in der Konservierung des Erreichten: kein Jota sollte man den szenischen Lösungen des Meisters rauben. Der zu zahlende Preis war hoch, das Bewahren eines Vergänglichen mündete in Erstarrung und künstlerischen Stillstand. Den vorsichtigen Neuerungen eines Heinz Tietjen und Emil Preetorius in den dreißiger Jahren folgte dann nach dem Zweiten Weltkrieg ein grundlegender Neuanfang: aus dem Museum Bayreuth wurde unter der Doppelspitze der Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang eine Werkstatt; den Inszenierungen wurde wieder ihre theaterübliche Halbwertszeit - und somit ihre Zeitlichkeit - zugestanden. Doch nun war das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit angebrochen, Tonmitschnitte der Aufführungen entstanden und stemmten sich gegen das Vergessen. Bald trat das Bild hinzu, und es trifft sich, daß von den meisten der in diesem Band behandelten Aufführungen Fernsehaufzeichnungen oder DVDs verfügbar sind: von Chéreaus Ring, von Kupfers Holländer, von Müllers TRISTAN und anderen. So sehr indes die Bildkonserven eine Hilfe bei der Vergegenwärtigung alter Inszenierungen darstellen, so groß ist auch der Verlust. Daß das Bild keine Räumlichkeit transportiert, ist ebenso eine Binsenweisheit wie die Tatsache, daß die Unsitte der Fernsehregisseure, Details gegenüber der Totalen aufzuwerten, eine meist nur ausschnitthafte Wahrnehmung ermöglicht. Wichtiger noch ist, daß keine Aufzeichnung die wirkliche Bedeutung einer Aufführung zur bestimmten Zeit am bestimmten Ort festzuhalten vermag. Wer heute Chéraus Ring im heimischen Wohnzimmer anschaut, wird der ursprünglichen Kühnheit und Sprengkraft dieser Interpretation schwerlich inne. Dieses Bedeutungsvakuum, das das bloße Fernseh oder Kinobild hinterläßt, zu füllen, gibt es nur einen Ausweg: die Befragung zuverlässiger Zeugen.
Friedrich Dieckmann ist so ein Zeuge, und ein außerordentlicher zudem. Schon 1955 fand er Zugang zu den Bayreuther Festspielen, seit 1977 besuchte er sie relativ kontinuierlich. Doch nicht allein diese enorme Zeitspanne zeichnet seine Zeugenschaft aus, sondern zuallererst die Schärfe und die Deutungskraft seiner Beobachtungen, die er in Artikeln niederlegte, die das gängige Rezensionsmaß in jeder Hinsicht überschreiten. Er verfaßte sie, zumindest vor 1989, aus einer besonderen Situation heraus: als Berichterstatter aus dem einen in das andere Deutschland. Nachdem Dieckmann bis 1976 am Berliner Ensemble als Dramaturg gewirkt hatte, war er fortan als freier Schriftsteller tätig; um von den Bayreuther Ereignissen zu erzählen, eroberte er sich - alle Möglichkeiten, die sich boten, auslotend - die unterschiedlichsten Publikationsformen: von der Tagespresse über die Zeitschrift bis zum Buch.
So heterogen die Formate waren, so gleichbleibend erhellend ist der Blick: Es ist ein epischer - und am epischen Theater geschulter - Blick. Anders als die Fernsehkamera nimmt Dieckmann Details nicht zufällig aus dem Ganzen heraus, sondern bettet sie beziehungsreich darin ein, erschließt dem Leser ihre Bedeutung, lenkt ihn sicher auf dem schwierigen Pfad zwischen Überschau und Konkretion. Die Genauigkeit und Unmittelbarkeit seiner Beschreibungen bringen derart lebendige Bilder hervor, daß sich der Titel der vorliegenden Sammlung (der zugleich der Titel der großen, am Anfang stehenden Besprechung des Chéreau-Rings ist) Bilder aus Bayreuth wie von selbst nahelegt.
Ein nicht gering zu achtender Vorzug ist die zeitliche Nähe, aus der heraus Dieckmann seine Beobachtungen festhielt: zwar steht ihm jederzeit das Instrumentarium des distanzierten Historikers zur Verfügung, doch schreibt er auch als ein Beteiligter, der die Verbindungen zwischen den erlebten Aufführungen und ihrer jeweiligen politischen Gegenwart seismographisch aufspürt. Nur so wird das Neue, für das etwa 1976 und 1977 ein Ring einstehen konnte, auch demjenigen erfahrbar und begreiflich, der nicht dabei gewesen ist. Fast müßig zu erwähnen, daß Dieckmann nicht bei der Beschreibung der Aufführungen verharrt, sondern immer wieder auch das Festival selbst, sein Publikum, sein Umfeld in die Sicht nimmt - denn immer wirken die Bedingungen der Aufführungen auf diese zurück.
Wenn hier Friedrich Dieckmanns Festspielbeobachtungen gesammelt vorgelegt werden, so ist dies ein Beitrag dazu, dem Erlöschen eines wichtigen Kapitels der Inszenierungsgeschichte vorzubeugen und dem Transitorischen einiger bedeutsamer Inszenierungen zu einer Dauer im Wort zu verhelfen. Der Band präsentiert sich zugleich als einzigartige Unternehmung: er schreibt Theatergeschichte in Form von gesammelten Aufführungsberichten auf einen Autor - Richard Wagner - und ein Haus bezogen. In der Summe zeigt sich etwas, das nicht jeder vermutet hätte: daß Bayreuth in hohem Maße ein Spiegel der Zeit war und ist.
Verlag und Herausgeber danken dem Literaturforum im Brecht-Haus für wirksame Unterstützung und in besonderem Maße den Bayreuther Festspielen, die dieses Buchprojekt vorbehaltlos gefördert und in großzügiger Weise das Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben.
Wolfgang Behrens
Berlin, April 2007