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Unsere Kinder brauchen uns!
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VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Gordon Neufeld

Das kulturelle Chaos, das uns in der Neuen Welt plagt, droht auch Europa zu erfassen. Es kann nur verhindert werden, wenn die Europäer bereit sind, das Heiligste, die Beziehungen zu ihren Kindern, wirksam zu schützen. Aus Nordamerika kommende, dort massiv um sich greifende Trends beginnen sich infolge der Globalisierung und des zunehmenden wirtschaftlichen Drucks mit erschreckender Stärke auch andernorts zu zeigen und die Bindungen der Kinder zu den für sie sorgenden Erwachsenen aufzulösen. Dies zerstört den Kontext für die elterliche Erziehung, behindert die menschliche Entwicklung und untergräbt auf heimtückische und unaufhaltsame Weise die Grundlage der Kulturübermittlung.

In Nordamerika stellt sich die Situation bei genauer Betrachtung inzwischen so dar, dass die Kinder ihre Signale nicht mehr von ihren Eltern, Lehrern und anderen fürsorglichen Erwachsenen beziehen, sondern ihr Äußeres, ihre Werte, ihre Kultur und ihre Verhaltensweise aneinander ausrichten. Ich bezeichne diese Erscheinung als Gleichaltrigenorientierung.

In den Vereinigten Staaten, Kanada, England und Australien sind die Bindungen der Kinder mittlerweile so fehlgeleitet, dass die Gleichaltrigenorientierung zur akzeptierten Norm geworden ist. Die Familienbeziehungen sind inzwischen nicht mehr wichtiger als andere Beziehungen. Die Kultur wird in diesen Ländern nicht mehr vertikal, sondern horizontal übermittelt, wodurch Pop-Kulturen entstehen, die kaum ein Jahrzehnt lang Bestand haben. In diesen englischsprachigen Teilen der Welt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Sprache, die Kleidung und das Erscheinungsbild der Kinder dem anderer Kinder gleicht, und dass ihr Äußeres, ihr Verhalten und ihr Selbstbild auf Botschaften beruhen, die sie von anderen Kindern beziehen. Die Folgen davon sind Unreife, die Entfremdung von der eigenen Kultur und die Verarmung des Lernens, eine verfrühte Hypersexualität, Drogenkonsum sowie die Zunahme von aggressivem, tyrannisierendem Verhalten und von Gewalt. Die Eltern sind beunruhigt, frustriert und haben immer stärker das Gefühl, dass die kindliche Entwicklung mittlerweile von Erwachsenen unbeeinflusst verläuft. Solche Tendenzen sind auch in Europa zu beobachten, und es muss ihnen gegengesteuert werden.

Durch den Verlust der Erwachsenenorientierung wird der Rahmen, in dem Kinder eigentlich aufwachsen sollten, zerstört. Damit die elterliche Erziehung wirksam ist, müssen die Kinder in der richtigen Beziehung zu ihren Eltern stehen. Durch die Gleichaltrigenorientierung wird das Elternsein sehr viel schwieriger, als es einst war und als es sein müsste. Die Kinder in der postindustriellen Welt verlieren ihre Eltern, nicht weil es diesen an erzieherischen Kenntnissen oder Engagement fehlt, sondern einfach, weil ihnen die Bindung fehlt. Die Gleichaltrigenorientierung wird, wenn sie nicht aufgehalten wird, auch in anderen Teilen der Welt zur Norm werden.

Die großen Kulturen im kontinentalen Europa und in Japan werden nicht durch die billige, banale und ausbeuterische amerikanische Pop-Kultur als solche bedroht, sondern vielmehr durch die Tatsache, dass die aktiven Primärbindungen der Kinder zu den Erwachsenen verloren gehen. Bricht die Infrastruktur zur Pflege von Bindungen in einer Kultur erst einmal zusammen, bleibt nichts, das ihre Weisheit und ihre Traditionen bewahren könnte. Dies ist eine reale Gefahr. Auch wenn ich die Kultur in Europa als sehr wertvoll erkannt habe, ist mir klar geworden, dass den Menschen kaum bewusst ist, welche wichtige Rolle die Bindung bei der Bewahrung der Kultur spielt. Ohne dieses Bewusstsein wird der Bindungskontext unvermeidlich von denselben wirtschaftlichen Kräften untergraben werden, die sich auf die Gemeinden, die Nachbarschaften, die Familien und die Kultur in Nordamerika und anderswo so verheerend ausgewirkt haben. Wie das Sprichwort schon sagt, oft wird uns erst klar, was wir hatten, nachdem wir es verloren haben. Wenn ein Kind nicht mit seinen Eltern zusammen sein will und nicht den Wunsch hat, so zu sein wie sie, fehlt den Eltern der grundlegende Mechanismus zur Übermittlung ihrer Wertvorstellungen und ihrer Kultur.

Letztlich geht durch den Verlust der Bindungen zu den Eltern und zu den älteren Vorfahren auch der Rahmen für eine gesunde Entwicklung verloren. Durch die Bindung des Kindes zu seinen Eltern entsteht ein Schoß für seine psychische Entwicklung, aus dem es als eigenständige Persönlichkeit hervorgehen sollte. Wenn Gleichaltrige die Eltern ersetzen, bleiben die Kinder in ihrer Entwicklung stecken. Die Gleichaltrigenorientierung bringt eine Masse unreifer, konformistischer und problembehafteter junger Erwachsener hervor, die unfähig sind, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Gebraucht werden in unserer Welt dagegen Reife und die Fähigkeit, eigenständig neue Wege zu gehen. Diese Qualitäten können nur aus starken Bindungen zu fürsorglichen Erwachsenen hervorgehen. Um die Kultur zu schützen, die solche Bindungen schützt, müssen wir erkennen, was an ihr entscheidend ist, bevor es uns abhanden kommt.

Hinter der Gleichaltrigenorientierung der Kinder von heute steht der zügellose Materialismus und die Technologieverliebtheit der globalisierten Wirtschaft. Selbst im kontinentalen Europa, wo den älteren Kulturen traditionell Respekt entgegengebracht wird, sind die Menschen gegen diesen Fluch nicht immun. Um davon verschont zu bleiben, muss sich in der Gesellschaft ein Bewusstsein für Bindung entwickeln, und die starken Kind-Erwachsenen-Bindungen müssen wiederhergestellt werden. Nach meiner Einschätzung wird dies mit den Gefühlen und der Intuition der Europäer im Einklang stehen. Liege ich damit richtig, so könnten die Menschen in Europa, wenn sie dieses Bewusstsein für Bindung entwickeln, unsere Hoffnung sein und uns den Weg zurück zu unserem gesunden Menschenverstand aufzeigen.


 
   


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