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Wege zu den alten Göttern
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Vorwort


Lange Zeit habe ich mich mit dem Gedanken an dieses Buch getragen und mich nicht getraut, es zu schreiben. Die meisten naturreligiösen Menschen, denen ich davon erzählte, rieten mir davon ab. Ich verstand ihre Gründe gut; immerhin hatte ich selbst jahrelang gepredigt, man könne nicht von einem Buch in die Priesterschaft eingeweiht werden. Ich bin zwar nicht die erste, die sich an ein solches Thema heranwagt - immerhin stellen auch zwei Klassiker der magischen Literatur, nämlich Ashcroft-Nowickis Magische Rituale und Douvals Bücher der praktischen Magie nichts anderes als detailliert beschriebene Ausbildungsformen dar - beide jedoch behandeln den Weg zum Magier und nicht zum Priester oder zur Priesterin, was ein großer Unterschied ist: Während der Magier sich sein eigenes Weltbild schafft und darin niemandem Rechenschaft schuldig ist, handelt es sich beim Priester um einen Menschen, der innerhalb einer Religion wirkt, seelsorgerisch tätig ist und somit nicht nur für sich selbst, sondern auch für sein Wirken auf und mit anderen Verantwortung übernehmen muß.

Viele meiner naturreligiösen Glaubensgenossen rieten mir daraufhin, lieber ein Buch über naturreligiöse Techniken zu schreiben und es dabei bewenden zu lassen. Das habe ich jedoch mit Der alte Pfad - Wege zur Natur in uns selbst bereits getan, und auch da war ich bei weitem nicht die erste. Seit nunmehr über fünfzig Jahren schreiben Hexen, Priester und Priesterinnen der ganzen Welt Bücher über die Grundlagen der modernen Naturreligion und überlassen die kritischen Teile den Lesern - etwa wenn sie darin unerfahrene Menschen auffordern, alleine rituell zu arbeiten, Coven (Hexenzirkel) zu gründen oder sich das Ganze eben auf Basis noch kommender Erfahrungen selbst irgendwie zu "erarbeiten". Genau diese Leser sind nun aber vierzig Jahre älter oder bereits in einer Welt geboren, in der Wicca, Hexenkult und Naturreligion wieder jedem zugänglich sind. Ich denke, es ist an der Zeit, die Taktik zu verändern, denn wir haben uns verändert.

In vielen Traditionen der Alten Religion gibt es einen geflügelten Satz, der besagt, daß Priester und Priesterinnen nicht von Menschen initiiert werden, sondern von den Göttern. Wir können nur eine geeignete rituelle Umgebung dafür schaffen. Und ich habe es oft erlebt, daß sich die entscheidenden Ereignisse, an welchen eine neu initiierte Person diese göttliche Zustimmung und Akzeptanz festmachte, gar nicht im Initiationsritual selbst, sondern kurz davor oder danach abspielten. Ich will hier die Bedeutung des Einweihungsritus keineswegs schmälern; aber ich finde es wichtig, darauf hinzuweisen, daß er nur ein einziger Teil eines komplexen Zusammenspiels ist, das viel Zeit braucht, um sich auf die gewünschte Weise zu entwickeln.

Noch heute bin ich der Ansicht, daß ein Buch niemandem zum Priester oder zur Priesterin machen kann. Aber ich habe in den vergangenen Jahren viele Frauen getroffen, die irgendwann vor langer Zeit einmal über Starhawks Hexenkult oder Szusanna Budapests Herrin der Dunkelheit, Königin des Lichts gestolpert sind und sich auch von der Tatsache, daß weit und breit kein naturreligiöser Lehrer in Sicht war, nicht abhalten ließen, ihre eigene Göttinnen-Spiritualität zu entwickeln. Eine von ihnen sagte zu mir: "Ich habe niemals eine Initiation erhalten. Aber ich bin eine Priesterin, weil ich die Arbeit einer Priesterin leiste. Ich spüre die Göttin in mir. Willst du mir das streitig machen?" Sie war eine beeindruckende und mitreißende Frau Ende vierzig, und ich war mit Sicherheit nicht willens, ihr das Recht auf ihren Lebensinhalt abzusprechen.

Seit einigen Jahren wird mir mehr und mehr bewußt, wie viele Menschen es gibt, die sich verzweifelt und tiefinnerlich nach dieser Form der Spiritualität sehnen, einfach, weil es ihr Weg ist. Das können sie deutlich spüren, genauso deutlich, wie ich es einmal gespürt habe. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Dennoch gibt es hier in Mitteleuropa nach wie vor nur wenige initiierte Priesterinnen oder Priester der alten Götter, die auszubilden bereit sind. Was sollen diese Frauen und Männer also tun, wenn sie den Ruf der Göttin empfangen? Dankend, aber bedauernd ablehnen, nur weil die Nachfrage das Angebot bei weitem übersteigt und sie leider nicht zu den Glücklichen zählen, die einen guten Lehrer "um's Eck" finden konnten? Ich bitte alle, die meinem Versuch, eine derartige Ausbildung in Buchform zu schildern, noch immer ablehnend gegenüberstehen, sich einmal vorzustellen, wie sie selbst sich gefühlt hätten - damals, am Beginn ihres eigenen Weges - wenn man ihnen aus solchen Gründen verweigert hätte, dem Ruf zu folgen.

Es gibt in vielen naturreligiösen Traditionen noch so einen wahren, aber oft überstrapazierten Satz: "Wer wahrhaftig von den Göttern gerufen wird, der findet auch seinen Weg und seine Lehrer." Da ist viel dran; viele Hexen und auch naturreligiöse Priester haben erfahren, wie sich plötzlich alles Notwendige in ihrem Leben einstellte, nachdem sie sich entschieden hatten, dem alten Weg zu folgen. Dennoch möchte ich davor warnen, diesen Satz zu einer Art Qualitätskriterium zu erheben, denn er bedeutet im Umkehrschluß noch lange nicht, daß all jene, die keinen persönlichen Kontakt zu den äußerst spärlich verteilten Lehrern und Lehrerinnen der Alten Religion finden, ungeeignet seien. Eine solche Haltung einzunehmen, halte ich für arrogant und kurzsichtig.

Ich will mich hier nicht zum Instrument der Götter aufschwingen; auch das wäre nur eine Alibi-Behauptung, mit der ich meine eigenen Ängste und Zweifel kaschieren würde, die mich am Beginn dieses Projekts deutlich bewegten. Und ich brauchte diese Zweifel für meine Arbeit an diesem Buch dringend, denn sie zeigten mir ständig, wo meine Gedanken Schwächen aufwiesen, wo Gefahren bestanden und wo ich mich in hübsche Oberflächlichkeiten flüchtete, um mich nicht mit den eigentlichen Problemen auseinandersetzen zu müssen, die diese Aufgabe mir stellte. Gerade meine Zweifel waren meine besten Helfer bei der Umsetzung meines größten, mit diesem Buch verbundenen Anliegens: Ein so kritisches Thema wenn schon, dann so gut wie mir nur irgend möglich umzusetzen. Ob das Ergebnis dieser Arbeit auch für meine Leser Unterstützung bietet, können allerdings nur diese beurteilen.

Meiner Ansicht nach sollten wir auch nicht vergessen, daß nicht alle naturreligiösen Traditionen so wie zum Beispiel der Wicca-Kult eine reine Priesterschaft darstellen. Ich halte es für sehr wichtig, anderen Menschen auch den Zugang des Laien zu dieser Religion zu ermöglichen. So kann jeder nach dem Durcharbeiten des Buches selbst entscheiden, ob er die Anforderungen des Priesterwegs auf sich nehmen will oder nicht, ohne deshalb auf die Ausübung der Naturreligion selbst verzichten zu müssen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob meine Definition der Priesterschaft überhaupt einen Gültigkeitsanspruch erheben kann. Nun, über meine eigene Tradition hinaus sicher nicht, dessen bin ich mir wohl bewußt. Dennoch hielt ich es für sinnvoller, mit der hier vertretenen Sichtweise wenigstens einen kleinen Ausschnitt aus der Vielfalt der Definitionen zu bieten, anstatt überhaupt keine Informationen zu vermitteln. Wenn andere naturreligiöse Priesterinnen oder Priester beim Lesen dieses Buches feststellen sollten, daß sich meine Darstellung in keinster Weise mit ihrer Art deckt, ihren Weg zu gehen, bitte ich herzlich darum, selbst ein Buch zu schreiben, diese Unterschiede offenzulegen und so das Informationsangebot um eine weitere Facette zu bereichern. Ich jedenfalls würde so ein Buch mit Sicherheit kaufen!

Der hier geschilderte Ausbildungsweg wurde in meiner Familie entwickelt und in seinen Grundzügen bereits mehrere Male zur erfolgreichen Anwendung gebracht. Allerdings ist Religion - so auch Naturreligion - eine gemeinschaftliche Angelegenheit, wir haben unsere Ausbildungen stets den einzelnen Initianten angepaßt und immer in regelmäßigem Kontakt mit diesen gestanden. All dies ist einem Buch nicht möglich, und genau darin besteht auch seine deutlichste Schwäche. Ich habe dies auszugleichen versucht, indem ich von vornherein viele "Sicherungen" einbaute, die wir bei einer persönlichen Ausbildung nur zum Einsatz bringen, wenn dies notwendig erscheint. Auch habe ich mich immer wieder ein und demselben Zusammenhang von mehreren Seiten her genähert, um ihn mit höherer Wahrscheinlichkeit deutlich vermitteln zu können. Dennoch sollte sich jeder darüber im Klaren sein, daß bei einer Ausbildung auf diese Weise viel mehr von ihm selbst abhängt als bei einer persönlichen Begleitung. Dies ist der harte, anspruchsvolle Weg, und er erfordert ein hohes Maß an Selbstehrlichkeit und Selbstwahrnehmung.

Darüber hinaus ist es aber ebenso möglich, dieses Buch nicht als "Lehrpfad" zu betrachten, sondern wie eine Materialsammlung zu behandeln, sich daraus zu nehmen, was interessant oder hilfreich erscheint und diese Dinge in einen ganz eigenen Zusammenhang zu stellen. Ich habe versucht, die Techniken, Meditationen und Rituale wie auch die theoretischen Inhalte dieses Buchs so zu gestalten, daß Frauen wie Männer gleichermaßen damit arbeiten können, mußte jedoch feststellen, daß ich diesem Anspruch nicht gerecht werden konnte. Deshalb sind einzelne Kapitel in Zusammenarbeit mit meinem Mann William Anderson entstanden, der versucht hat, seine eigene, dem Gott zugewandte Sicht der entsprechenden Abschnitte darzustellen, wofür ich ihm an dieser Stelle recht herzlich danken möchte. Darüber hinaus habe ich mich zunächst redlich bemüht, überall doppelgeschlechtliche Formen zu verwenden, bis ich jedoch feststellte, daß der Text durch all die "/innen"-Formulierungen völlig unleserlich wurde. Ich beschränke mich also auf den Hinweis, bis auf in gekennzeichneten Ausnahmefällen immer beide Geschlechter zu meinen.


So. Genug geredet. Los geht's!


Vogelsberg, im Juli 2002
Vicky Gabriel





 
   


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