Ein Wort zuvor
Jagdhunde stehen bei den deutschen Hundefans seit jeher ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Waren in der Vergangenheit Dackel, Cocker, Irish Setter und Foxterrier »in«, kann man heute Vertreter nahezu jeder Rasse auch in Nichtjägerhand antreffen.
Während man sich früher oft - und ein bisschen sorglos - sagte, dass ein Jagdhund als Familienhund bestimmt mit Spaziergängen und Apportierübungen glücklich sei, werden sich Jagdhundehalter heute mehr und mehr bewusst, dass ein Pointer, Vizsla oder Beagle auch seinem Jagdtrieb gerecht gehalten und ausgebildet werden sollte.
Nur, kann man das als Nichtjäger? Und: Sollte man es überhaupt?
Mit dieser umfassenden, nicht kurz und knapp zu beantwortenden Frage befasse ich mich seit vielen Jahren und möchte Sie gerne einladen, mich auf den folgenden Seiten auf eine Reise in die faszinierende Welt der Jagdhunde zu begleiten.
Ich selbst hatte das große Glück, noch zu Eberhard Trumlers Lebzeiten in seiner Forschungsstation zu arbeiten und dort Dingos, Parias und Wildhundmischlinge zu studieren. Wenig später konnte ich in der toskanischen Provinz Massa-Carrara das Leben eines großen Rudels verwilderter Haushunde verfolgen, und die Bedingungen in Italien erlaubten auch, anhand etlicher Würfe die Jugendentwicklung beim Gordon Setter zu untersuchen und später die Jagdpraxis mit vielen verschiedenen Hunderassen kennenzulernen.
Das erzähle ich Ihnen nicht wegen der schönen Erinnerungen, sondern um Ihnen zu zeigen, aus welcher Richtung ich vor mehr als drei Jahrzehnten in die »Hunde-Welt« eingestiegen bin; aus der Richtung der geduldigen Beobachtung nämlich, und dieser Grundlage bin ich treu geblieben.
Meine erste Überlegung, wenn ich als Nichtjägerin einen Jagdhund anschaue, ist deshalb nicht: »Wie kann ich ihn so manipulieren, dass er sich optimal in mein Leben einpasst?« Sondern: »Was steckt alles in ihm? Was braucht er, um sich entfalten zu können?« Gehorsam ist kein Selbstzweck. Sinn jeder Ausbildung sollte es sein, den Hund und seinen Menschen zu einer gemeinsamen Arbeit zu befähigen - und nicht dem Zweibeiner einfach zu ermöglichen, den Vierbeiner willkürlich herumzukommandieren. Der Jagdhund in Nichtjägerhand hat also nicht die Funktion, dem Menschen zu gehorchen.
Vielmehr hat der Nichtjäger die Funktion, seinem Jagdhund zur Entfaltung und Befriedigung seiner Anlagen und Bedürfnisse zu verhelfen, und da gehört Gehorsam ganz natürlicherweise dazu.
Erst mal zu schauen was ist und dann zu überlegen, was man daraus machen kann, scheint mir auch bei der Hundeausbildung ein ganz vernünftiger Ansatz zu sein, zumal wir Nichtjäger unseren Vierbeiner ja nie durch eine streng festgelegte Jagdeignungsprüfung bringen müssen. Wir haben die Möglichkeit, uns in vieler Hinsicht am Beispiel gewissenhafter Hundeeltern zu orientieren, und die würden nie versuchen, ihren Nachwuchs in Rekordzeit durch ein starres Ausbildungsprogramm zu drängen, bloß weil sie meinen, dass »Hunde dies oder jenes eben beherrschen müssen« ...!
Klar, Disziplin, Gehorsam und Zusammenarbeit sind ganz natürliche Aspekte ihres Lebens, denn Hunde sind keine Anarchos und Hundeeltern haben mit antiautoritärer Erziehung nichts im Sinn. Sie können furchtbar grantig werden, wenn ein Sprössling Verbote oder die guten Sitten des Familienlebens missachtet. Doch wenn es darum geht, ihre Nachkommen oder Pflegekinder eine Aktivität zu lehren, die später für das reibungslose Funktionieren der Gruppe bedeutsam sein wird, sind erwachsene Hunde plötzlich unendlich geduldig, einfallsreich und einfühlsam. Sie beobachten ihre Welpen sehr aufmerksam, leiten sie dann ganz gezielt in Lernsituationen und führen die Zöglinge ihren individuellen Fähigkeiten entsprechend schrittweise voran.
Lange bevor es an die Jagdausbildung im engeren Sinne geht, lernen die Welpen, ob Wild oder Haushunde, von ihren vierbeinigen Erziehern durch Auseinandersetzung mit den natürlichen Lernmitteln in ihrem Lebensraum körperliche Geschicklichkeit, Durchhaltevermögen, Geistesgegenwart und Selbstvertrauen zu entwickeln und gewinnen die so wichtige Erkenntnis: Dem Lehrer getreulich zu folgen, jede seiner Bewegungen, Gesten, Blicke und Lautäußerungen zu beachten verschafft Befriedigung, seinen »Rat« anzunehmen ist der Schlüssel zu neuen, wohldosierten Abenteuern. Dadurch entsteht ein echtes Vertrauensverhältnis auf beiden Seiten, und wenn die Junghunde schließlich mit zur Jagd gehen dürfen, bricht mitnichten das große Chaos aus. Sie haben ja längst durchschaut, wer das Sagen hat und wissen ihr Temperament recht gut im Zaum zu halten.
Die Sache mit dem Jagdtrieb ...
Wahrscheinlich haben Sie das auch schon oft genug gehört: »Wecken Sie um Himmels willen den Jagdtrieb Ihres Hundes nicht!«
Das ist, so formuliert, sehr irreführend, denn einerseits kann man nur wecken, was tatsächlich vorhanden ist, und andererseits ist die wirkliche Gefahr die, den Jagdtrieb außer Kontrolle geraten zu lassen, was in erster Linie dann passiert, wenn man sich über Art und Intensität des zu kontrollierenden Triebs nicht genau im Klaren ist.
Wie es mit dem Wecken jagdlicher Leidenschaften aussieht, möchte ich Ihnen an folgenden Beispielen erläutern.
Meine allerersten Jagdhunde in den 70er Jahren waren Spaniels, die als Stöberhunde gern und oft den Kaninchen nachstellten. Einige Zeit später gesellte ich den beiden einen Vorstehhund in Gestalt eines Gordon Setters zu, der folglich schon in der so prägenden Welpenzeit dem »verderblichen« Einfluss der passionierten Karnickeljäger ausgesetzt war. Verführte ihn das nun zur Nachahmung? Mitnichten. Der Setter rannte anfangs zwar mit, aber nur weil die Älteren lossprinteten, nicht um Haarwild aufzustöbern, und sah der junge Gordon irgendwo in der Nähe einen Vogel, fiel er augenblicklich in Vorstehpose, bereit, vor der Beute auszuharren, bis ich sie durch eine Bewegung oder in die Hände klatschen zum Auffliegen veranlasste. Aus dem Vorsteher wurde kein Stöberer, obwohl es an Anreiz und Freiheit dafür wahrlich nicht fehlte.
Meine English Springer Spaniel Hündin Giada wuchs in den 90ern unter der Leitung des zwei Jahre älteren Laufhundes Jonas auf und verbrachte ihr gesamtes Leben an seiner Seite. Stöber- und Laufhunde sind sich insofern ähnlich, als beide das Wild selbstständig suchen und dem Jäger zutreiben sollen. Allerdings tut der Springer das nur in schusstechnisch sinnvoller Distanz zum Führer, während der Laufhund »dran bleibt« und seine Beute im Bedarfsfalle kilometerweit und stundenlang unter eigener Regie hetzt. Eigentlich naheliegend, dass der Ansporn durch den heiß geliebten großen Bruder in Giada einen Hetztrieb weckte, der sie deutlich über ihren rassebedingten Aktionsradius hinaus brachte. Aber Fehlanzeige. Sobald sie feststellte, dass der Sichtkontakt zu mir abgerissen war, kehrte sie eiligst zurück. Aus eigenem Antrieb, nicht erst auf Befehl.
Mein aktueller Begleiter ist ein junger Italienisch Kurzhaar, Bracco Italiano heißt die Rasse im Ursprungsland, der im Gegensatz etwa zu den sehr vielseitigen deutschen Gebrauchshunden als reiner Vorsteher gezüchtet und eingesetzt wird. Da ich aber nicht nur Führer mit Bracco zur Jagd begleite, sondern auch Setter, Pointer, Breton, Teckel oder Meuten aus italienischen und französischen Laufhunden und mein Hund häufig frei laufend mit von der Partie ist, hat er schon so ziemlich jedes hier vorhandene Wild kennengelernt und die Jagdmethoden seiner Kollegen viele Male aktiv miterlebt. Und verfolgt er jetzt Hasen und Wildschweine im Galopp wie ein Segugio oder meint, Rehe aufstöbern zu müssen? Natürlich nicht. Dem Wild, das unerwartet vor ihm auftaucht und flieht, setzt er gelegentlich für einige Meter nach, und ich meine wörtlich: einige Meter, nicht viele hundert Meter, und das war's dann. Er ist ein Vorstehhund, und offensichtlich weiß er das ganz genau.
Nun schauen Sie die Geschichte auch mal aus der entgegengesetzten Richtung an: Wäre es so einfach, im Hund die Lust aufs Jagen dieser oder jener Art zu »wecken«, na, dann brauchte man sie doch nur eine Weile frei und vielleicht in Begleitung eines begabten Vierbeiners durch Wald und Feld laufen zu lassen und hätte einen richtig tollen, »triebigen« Jagdhund. Und natürlich müssten Jäger dann auch keine Hunde als ungeeignet, weil zu wenig jagdbeflissen, an Laien wie Sie und mich abgeben.
Fast jeder Jagdhund hat einen mehr oder weniger stark ausgeprägten Jagdtrieb im allgemeinen Sinne und das mehr oder weniger stark ausgeprägte, angeborene Rüstzeug, um ihn zu verwirklichen und zu befriedigen. Damit müssen Sie arbeiten. Mehr ist nicht vorhanden und lässt sich auch nicht auf geheimnisvolle Weise wecken.
Kommen wir zur Frage, wie man die Jagdlust des eigenen Hundes denn nun feststellt. Auch das ist einfach zu beantworten: Indem man optimalerweise den noch problemlos zu beeinflussenden Hund im frühen Alter gezielt unter diesem Aspekt beobachtet oder dies beim schon erwachsenen Vierbeiner spätestens dann nachholt, wenn man die im folgenden beschriebene Ausbildung beginnen möchte und die gesammelten Erkenntnisse sorgfältig nutzt.
Jagen ist ja in Wahrheit eine Verhaltenssequenz, die aus verschiedenen Elementen besteht, zum Beispiel Suchen, Entdecken, Anschleichen, Nachjagen, Packen, Töten, Wegtragen der Beute und Fressen. In der Rassezucht zielt man oft darauf ab, Hunde auf einzelne dieser Elemente zu spezialisieren. Der Vorsteher etwa ist ein gutes Beispiel, denn das typische Verharren vor der Beute ist nichts anderes als ein stilisiertes Anschleichen. Ebenso hat sich der Mensch sicher seit Beginn der Hundezucht und -ausbildung bemüht, die eigentliche Endhandlung des Jagens zu eliminieren, denn kein Jäger dürfte begeistert sein, wenn sein Hund den Hasen selber frisst!
... und wie man ihn kontrolliert
Was uns zum letzten Punkt bringt, der Kontrolle des Jagdtriebs nämlich. Das heißt übersetzt: der Kontrolle einer Handlung, die dem ausführenden Hund enorme Befriedigung verschafft, bestehe sie im Vorstehen, Stöbern oder weiträumigen Hetzen. Die Befriedigung einfach mit Zwangsmaßnahmen zu unterbinden ist weder angenehm für den Patienten dieser Operation noch garantiert sie den Erfolg. Denn sehr wahrscheinlich wird der Hund, der beispielsweise durch den Daueraufenthalt an der langen Leine vom Jagen abgehalten werden soll, die erstbeste Unachtsamkeit des Halters nutzen, um sich im gestreckten Galopp wieder zum Jagen davonzumachen.
Überlegen Sie mal: Es gibt Hunde, die trotz mehrfacher »Elektroschock-Behandlung« doch wieder hinter Reh und Hasen her wetzen. Wenn wir voraussetzen, dass diese Vierbeiner weder Masochisten sind noch suizidgefährdet, können wir eigentlich nur folgern, dass der Genuss, den sie beim Jagen empfinden, so intensiv und motivierend ist, dass weder Stachelhalsband noch Teletakt sie davon »heilen« können. Tatsächlich ist seit langem bekannt, dass beim Jagen Glückshormone ausgeschüttet werden. Um es salopp auszudrücken: Der Hund ist regelrecht »high« und mancher bekommt in seiner Ekstase von den Strafreizen eben nichts oder nur wenig mit.
Wir sollten daraus bereits zwei Lehren ziehen. Erstens bei der Wahl unseres Hundes eine Rasse zu bevorzugen, bei der die Wahrscheinlichkeit eines derart akzentuierten Jagdtriebes eher gering ist; deshalb finden Sie im nächsten Kapitel eine Liste mit den für uns Laien geeigneten und weniger geeigneten Jagdhunderassen.
Und zweitens sollten wir uns immer wieder bewusst machen, welche Bedeutung jagdbezogene Aktivitäten für den Jagdhund haben. Für ihn sind das in den meisten Fällen keine Nebensächlichkeiten, die man getrost unter den Teppich kehren oder ausschließlich durch andere, sinnfremde Ausbildungssparten und zirkusreife Kunststücke ersetzen kann.
Der Jagdhund will und muss arbeiten, und das bedeutet für ihn reichlich körperliche Bewegung in der Naturlandschaft, plus intelligenter Einsatz der Nase plus Erfolgserlebnis durch Erlangen einer (erlaubten), für ihn höchst anziehenden Beute, und all das erreicht man eben nicht unbedingt auf eine für den Hund befriedigende Weise, indem man ihn an der langen Leine die Fährte eines Menschen in der Stadt verfolgen oder, unangeleint, Verletzte und Vermisste in Trümmern und Schnee suchen lässt.
Mal im Ernst: Ist das denn sinnvoll, sich ganz bewusst einen Jagdhund anzuschaffen und dann frenetisch nach Mitteln zu suchen, ihm die Jagdlust komplett auszutreiben? Wohl nicht.
Da ist es doch viel naheliegender, diese Freude mit unserem Hund zu teilen, indem wir ihm helfen, seine Anlagen und persönlichen Fähigkeiten so zu kanalisieren und zu perfektionieren, dass er sie abwechslungsreich und gefahrlos verwirklichen und genießen kann.
Die Alternative: Der Jagdbegleithund
Nehmen wir also an, auch Sie möchten Ihr Leben mit einem Hund teilen, der von seiner Rassezugehörigkeit oder Rassemischung her zu den Jagdhunden gehört, obwohl Sie selbst nicht Jägerin sind. Und Sie möchten gern jeden Tag mit Ihrem Vierbeiner in der freien Natur verbringen, weil weder Sie noch Ihr Hund sich in der urbanen Betonwüste wohlfühlen und ausleben können.
Sie wünschen allerdings auch, dass Ihr Gefährte Ihnen in Wald und Feld verlässlich gehorcht, weil Ihnen nämlich das Wohl der Wildtiere und ihres Lebensraums genauso am Herzen liegt wie das Wohl Ihres Hundes.
Nur fragen Sie sich vielleicht insgeheim, wie Hund und Mensch täglich stundenlang durch die Landschaft streifen können, ohne dass es ihnen je langweilig wird ...
Ganz einfach: Bilden Sie Ihren Freund zum Jagdbegleithund aus und machen Sie die naturkundlichen Expeditionen mit ihm und all die interessanten Entdeckungen dabei zu Ihrem neuen Hobby!
Um Sie auf den Geschmack zu bringen, finden Sie im Kapitel »Der Jagdbegleithund im aktiven Dienst« viele Beispiele dafür, was ein ausgebildeter Jagdbegleithund in den verschiedenen Jahreszeiten so alles für Sie finden und anzeigen kann, welche spannenden Details dank menschlicher Aufmerksamkeit erkannt werden, wie Sie Funde, Spuren und so weiter richtig bestimmen, welche Wildtiere Sie überhaupt antreffen können und vieles mehr.
Doch nun möchte ich Sie einladen, mich und die vielen Hunde, die hier stellvertretend für ihre Kollegen zeigen, wie viel Spaß ein Jagdbegleithund haben und bereiten kann, durch die Seiten dieses Buches zu begleiten, um zuzuschauen, wie aus einem Jagdhund in Nichtjägerhand ein zuverlässiger und rundum ausgelasteter Weggefährte für die täglichen Expeditionen durch Wald und Feld werden kann.