Vorwort
Die Sozialpsychologie des Sports in den Medien (vgl. z.B. SCHRAMM 2004; ZILLMANN/BRYANT/SAPOLSKY 1989) weist augenscheinlich in vielen Bereichen Parallelen zur Sozialpsychologie des nicht medial vermittelten Sports auf (vgl. z.B. SCHLICHT/STRAUSS 2003; WANN/MELNICK/RUSSELL/PEASE 2001): In beiden Fällen konstituiert sich das Erleben des Sports zunächst aus Beobachtungen von Sportlern, Sportlerinnen und Mannschaften und deren Leistungen, aus Attributionsprozessen, sozialen Vergleichen, Sympathien und Antipathien sowie Prozessen der Identifikation oder Ablehnung. In beiden Fällen können zudem soziale Gruppenkonstellationen und -dynamiken eine entscheidende Rolle spielen für weitere sozialpsychologische Prozesse und Wirkungen (z.B. Distinktion, Affiliation, Selbstdarstellung, soziale Anschlusskommunikation, Lernen am Modell, Aggression) - sowohl während der Sportrezeption als auch nach der Sportrezeption (vgl. Z.B. SCHLICHT/STRAUSS 2003; GOLDSTEIN 1989).
Es stellt sich daher die berechtigte Frage, ob eine eigenständige, genuine Sozialpsychologie des Sports in den Medien überhaupt zu vertreten ist (SCHRAMM 2007). Eine nahe liegende Hypothese wäre, dass der Sport in den Medien aufgrund bestimmter Besonderheiten in der medialen Aufbereitung, aufgrund von Einschränkungen in der Rezeptionssituation (z.B. der fehlende Live-Kontakt zwischen Rezipienten und Sportlern) sowie aufgrund öffentlichkeitswirksamer Massenprozesse eine ganz eigene Sportwirklichkeit bzw. -realität schafft und damit ein Rezeptionserleben bei den Zuschauern und Zuschauerinnen generiert, das von dem Erleben des entsprechenden Live-Erlebnisses zumindest partiell abweichen dürfte (vgl. z.B. DOHLE/VOWE 2006; DUNCAN/BRUMMET 1987; LARSON/RIVENBRUGH 1991; LOOSEN 1998; MARR/MARCINKOWSKI 2006; MUCKENHAUPT 1990; STRAUSS/KOLB/LAMES 2002).
Die Frage, inwiefern diese Annahme argumentativ untermauert und dadurch eine genuine Sozialpsychologie des Sports in den Medien gerechtfertigt werden kann (vgl. SCHRAMM 2007), bildet den Impuls und die konzeptionelle Klammer für die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes. Gestützt auf die medienpsychologische und kommunikations wissenschaftliche Forschung zur Produktion, Präsentation sowie zum Erleben und zur Wirkung von Sport in den Medien, die auf eine mittlerweile ca. 25-jährige Tradition zurückblicken kann (RANEY/BYRANT 2006), richtet sich das Interesse auf Implikationen, die sich aus den Besonderheiten der medialen Transformation (Produktion, Aufbereitung, Präsentation) des Wettkampfgeschehens (Teil 1) sowie aus der Spezifik der medialen Rezeption(ssituation) und der medialen Wirkung des Sports (Teil 11) ergeben.
Zum Auftakt des ersten Teils beschäftigt sich MIRKO MARR mit der generellen Frage nach der Eigenständigkeit und den Besonderheiten der medialen Realität des Sports. In Abgrenzung zu abbildungstheoretischen Vorstellungen, die nicht zuletzt in der sportwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Sportberichterstattung weit verbreitet sind, schlägt der Autor vor, das von den Medien gezeichnete Bild des Sports als das Ergebnis eines mehrstufigen und iterativen Transformationsprozesses zu betrachten. Bei diesem Prozess, an dem sowohl die Medien als auch der Sport selbst aktiv beteiligt sind, werde außermediale Realität nach spezifischen Logiken beobachtet, selektioniert, inszeniert und mediatisiert. Symptomatisch und prägend für den Sport sei dabei die starke Überlagerung einer journalistischen Vermittlungslogik durch die Logik einer möglichst publikumsgerechten und damit ökonomisch erfolgreichen Verwertung sportlicher Wettkämpfe. Diese theoretische Position wird von den folgenden vier Beiträgen in zwei Richtungen ergänzt und maßgeblich differenziert.
Zunächst rücken die spezifische Situation der Sportjournalisten und die daraus resultierenden Konsequenzen für das von ihnen hergestellte publizistische Produkt ins Zentrum des Interesses. Dabei fragen CHRISTOPH BERTLING und TOHMAS BRUNS nach dem spezifischen Belastungsdruck, mit dem sich Sportjournalisten konfrontiert sehen, und nach den erfolgreichen und weniger erfolgreichen Strategien ihrer Bewältigung. Auf der Basis psychologischer Ansätze zur Typologisierung und Erklärung von Stresszuständen arbeiten die Autoren wichtige Stressdimensionen des Arbeitsalltags der Sportjournalisten heraus und können diese durch die Sekundäranalyse quantitativer Journalistenbefragungen einerseits und die Auswertung einer eigenen qualitativen Erhebung andererseits empirisch untermauern.
Auch JÜRGEN SCHWIER und THORSTEN SCHAUERTE richten ihren Blick auf die sportjournalistische Berufsrealität, interessieren sich dabei aber für das Verhältnis zwischen Sportjournalisten und Sportlern. Dieses Verhältnis wird als ein Geflecht gegenseitiger Abhängigkeitsbeziehungen zum beiderseitigen Nutzen charakterisiert, in dem die Grenze zwischen Beobachtern und Beobachtungsobjekt zunehmend verschwimmt. Ein Unterschied zwischen Sportjournalisten und sportlichen Handlungsträgern, so argumentieren die Autoren, ergebe sich allenfalls durch ihre Zuordnung in je eigene Produktionsabteilungen des ökonomisch orientierten Mediensports, dessen übergreifenden Zielstellungen beide jedoch auf je eigene Art und Weise dienen.
Mit dem Beitrag von BERND STRAUSS, SARAH SENSKE und MAIKE TIETJENS wechselt die Perspektive von der Akteurs auf die Angebotsebene. Im Zentrum des Artikels stehen die gerade für den Sport symptomatischen Diskurse über die Ursachen von Sieg und Niederlage sowie die Besonderheiten ihrer medialen Vermittlung. Für deren Analyse stellt die sozialpsychologische Theorietradition der Attributionsforschung ein umfangreiches Instrumentarium bereit, das von den Autoren zunächst aufgearbeitet und anschließend auf den Bereich des medialen Sports übertragen wird. Gestützt auf die durchaus umfangreiche Forschungsliteratur zu diesem Thema kann dabei deutlich gemacht werden, dass Ursachendiskurse erstens ein konstitutiver Bestandteil der Sportberichterstattung sind, dass Medien zweitens eine Vorliebe für motivational bedingte Attributionsverzerrungen von sportlichen Akteuren an den Tag legen und dass schließlich drittens auch mediale Akteure hedonistische und (im Sinne des Publikums) selbstwertdienliche Erklärungen den eher rationalen Attributionsmustern vorziehen.
Auch THOMAS HORKY bewegt sich auf der Angebotsebene, fokussiert mit seinem Beitrag jedoch weniger die verbale, sondern die visuelle Besonderheit des Sports in den Medien, indem er unter Bezug auf das bereits im Beitrag von Marr verwendete Konzept der Inszenierung der Frage nachgeht, wie der Sport von den Medien ins Bild gesetzt wird. Dazu liefert der Autor erstens einen historischen Überblick über die medialen Techniken der Bildinszenierung und Bildregie, die sich im Spannungsfeld zwischen einer möglichst dokumentarischen Abbildung des sportlichen Geschehens und seiner inszenatorischen Überhöhung herausgebildet haben. Zweitens unterbreitet er einen Vorschlag zur Systematisierung der verschiedenen Visualisierungstechniken. Drittens schließlich diskutiert Horky mögliche sozialpsychologische Effekte, die sich aus der visuellen Inszenierung des Sports für dessen Rezeption durch das Medienpublikum ergeben, und baut damit eine Brücke zum zweiten Teil des Sammelbandes.
Dieser zweite Teil, der die sozialpsychologischen Besonderheiten der medialen Rezeption(ssituation) und der medialen Wirkung des Sports aufarbeitet, wird von HOLGER SCHRAMM eröffnet. In seinem Beitrag zum emotionalen Erleben von Mediensport liefert er einen systematisierenden Überblick, wie Emotionen bei der Sportrezeption als Folge von Bewertungsprozessen (Appraisals) entstehen können und welche Regulationsstrategien angewandt werden, um mit diesen Emotionen umzugehen bzw. sie zu regulieren. Darauf aufbauend versucht Schramm abschließend, Unterschiede in der Emotionsgenese und -regulation bei der Rezeption von medial vermitteltem Sport im Vergleich zum nichtmedial vermitteltem Sport herauszuarbeiten, und stellt dabei mehr graduelle als grundlegende Unterschiede zwischen den beiden Rezeptionsformen fest.
ULI GLEICH analysiert in seinem Beitrag das Phänomen der parasozialen Interaktion (PSI) und parasozialen Beziehung (PSB) von Rezipierenden mit Sportlerinnen und Sportlern. Das Wort >para< verweist bei diesem Konzept bereits auf die sozialpsychologische Spezifik, dass die Interaktion bzw. Beziehung zwischen Mediennutzern und medial vermittelten Sportlern im Prinzip nur eingeschränkt bis gar nicht möglich ist. Dennoch fühlen sich Mediennutzer in starkem Maße von den Sportlern adressiert und bauen Beziehungen zu ihnen auf. Uli Gleich erklärt dieses Phänomen zunächst auf grundsätzlicher Ebene, um es dann auf den konkreten Gegenstand der medialen Sportrezeption zu übertragen. Er geht dabei auf eine Vielzahl von Aspekten und Befunden aus der PSI- und PSB-Forschung ein und zeichnet somit ein facettenreiches Bild dieses sozialpsychologischen Phänomens der Sportrezeption.
Im nachfolgenden Beitrag widmet sich THOMAS HORKY einem klassischen Bereich der Sozialpsychologie, und zwar den Gruppendynamiken. Während er zunächst systematisch darstellt, welche Formen der Rezeption von Mediensport in der Gruppe zu unterscheiden sind und welche Prozesse und Dynamiken damit einhergehen, leitet er anschließend mit Blick auf zentrale Dimensionen des Rezeptionserlebens diverse sozialpsychologische Besonderheiten der gemeinschaftlichen Mediensportrezeption ab. Angereichert wird der Beitrag abschließend durch eine eigene Studie zur Gruppenrezeption bei der Fußball-WM 2006.
Auch im Beitrag von THOMAS N. FRIEMEL wird ein klassischer Bereich der Sozialpsychologie für die mediale Sportrezeption aufgearbeitet: die interpersonale Kommunikation. In einem ersten Schritt systematisiert Friemel die interpersonale Kommunikation über Mediensport anhand der Lasswell-Formel, indem er fragt, wer überhaupt über Mediensport kommuniziert, was die Inhalte solcher Gespräche sind, mit wem, in welchen Situationen und aus welchen Gründen über Mediensport geredet wird und welche Auswirkungen dies hat. Da gerade die Gründe und Auswirkungen bisher kaum erforscht sind, schlägt Friemel in einem zweiten Schritt eine Systematisierung für die Funktionen der Mediengespräche vor und diskutiert abschließend mögliche sozialpsychologische Auswirkungen auf soziale Gruppen und den Mediensport insgesamt.
Die letzten beiden Kapitel schlagen den Bogen vollends zur kommunikationswissenschaftlichen Wirkungsperspektive und thematisieren Kultivierungseffekte, die mit der medialen Sportrezeption einhergehen. FRANK MARCINKOWSKI und VOLKER GEHRAU stellen zunächst die Grundlagen der Kultivierungsforschung dar. Anschließend beschreiben sie typische Frames und >Geschichten< bzw. Narrationen, die der Mediensport bereit hält, gehen auf die sozialpsychologischen Implikationen solcher verzerrten Realitätsdarstellungen ein und leiten daraus abschließend Konsequenzen für vermeintliche Kultivierungseffekte bzw. Realitätsfehlwahrnehmungen von Mediensport-Vielnutzern ab. thomas schierl beschäftigt sich in seinem Beitrag mit einem spezifischen Kultivierungseffekt: der Kultivierung von Sportstars. Dabei beschreibt er - ausgehend von der sozialpsychologischen Bedeutung von Sportstars für die Rezipienten einerseits wie auch von der ökonomischen Bedeutung von Sportstars für die Medien andererseits - das komplexe Zusammenwirken verschiedener Systeme, Interessensgruppen und Akteure, die an der Generierung von Stars beteiligt sind und von der Kultivierung von Stars profitieren.
In der Summe seiner Beiträge beschreibt und analysiert der Band sozialpsychologische Prozesse des Mediensports von der Mikro bis zur Makroebene. Er bildet damit eine passende Ergänzung zum Band Sozialpsychologie des Sports (schlicht/strauss 2003), in dem die Sozialpsychologie des nicht medial vermittelten Sports abgehandelt wird. Wie ist es aber nun um die Ausgangsfrage dieses Bandes bestellt? Inwieweit kann eine genuine Sozialpsychologie des Sports in den Medien auf Basis der vorliegenden Beiträge gerechtfertigt werden? Ohne an dieser Stelle vorgreifen zu wollen, können wir in Aussicht stellen, dass alle Beiträge sozialpsychologische Besonderheiten des Sports in den Medien benennen können. Auch wenn die sozialpsychologischen Unterschiede zwischen dem nicht-medial und dem medial vermitteltem Sport dabei in vielen Fällen nur gradueller Natur sind, so scheint eine genuine Sozialpsychologie des Sports in den Medien nicht mehr infrage zu stehen. Die Frage, die sich angesichts der zunehmenden Durchdringung des Sports durch Logiken und Techniken der Medien stellt, ist vielmehr, ob eine Sozialpsychologie des Sports zukünftig noch ohne eine umfassende Berücksichtigung seiner medialen Vermittlung, Rezeption und Wirkung gedacht werden kann.
Holger Schramm / Mirko Marr
Zürich, November 2008
Literatur
DOHLE, M.; G. VOWE: Der Sport auf der >Mediatisierungstreppe
DUNCAN, M. C; B. BRUMMETT: The mediation of spectator sport. In: Research Quarterly for Exercise and Sport 5 8,1987, S. 168-177
GOLDSTEIN, J.H. (Hrsg.): Sports, games, and play: Social and psychological viewpoints, Hillsdale, nj [Lawrence Erlbaum Associates] 1989
LARSON, J.F.; N. K. RIVENBURGH: A comparative analysis of Australian, U.S., and British telecasts of the Seoul Olympic ceremony. In: Journal of Broadcasting & Electronic Media 35,1991, S. 75-94
LOOSEN, W.: Die Medienrealität des Sports. Evaluation und Analyse der Printberichterstattung. Wiesbaden [Deutscher Universitäts-Verlag] 1998
MARR, M.; F. MARCINKOWSKI: Prominenz als Bedrohung - Zur Medialisierung des Spitzensports. In: merz-Zeitschrift für medienpädagogik 50, 6, 2006, S. 63-72
MUCKENHAUPT, M.: Sportrealität und Mediensport. Schaffen die Massenmedien eine neue Wirklichkeit des Sports? In: grupe, o. (Hrsg.): Kulturgut oder Körperkult? Sport und Sportwissenschaft im Wandel. Tübingen [Attempto] 1990, S. 112-130
RANEY, A. A.; J. Bryant (Hrsg.). Handbook of Sports and media. Mahwah, NJ [Lawrence Erlbaum Associates] 2006
SCHLICHT, W.; B. STRAUSS: Sozialpsychologie des Sports. Göttingen [Hogrefe] 2003
SCHRAMM, H. (Hrsg.): Die Rezeption des Sports in den Medien. Köln [Herbert von Halem] 2004
SCHRAMM, H.: Zur Frage nach einer genuinen Sozialpsychologie des Mediensports. In: Zeitschrift für Sozialpsychologie 38,2007, S. 123-133
STRAUSS, B.; M. KOLB; M. LAMES (Hrsg.): www.sport-goes-media.de . Zur Medialisierung des Sports. Schondorf [Hofmann] 2002
WANN, D. L.; M. J . MELNICK; G. W. RUSSEL; D. G. PEASE: Sport-Fans. The psychology and social impact of spectators. New York [Routledge] 2001
ZILLMANN, D.; J. BRYANT; B. S. SAPOLSKY: Enjoyment from Sports spectatorship. In: GOLDSTEIN, J. H. (Hrsg.): Sports, games, and play: social and psychological viewpoints. Hillsdale, ca [Lawrence Erlbaum Associates] 1989, S. 241-278