Vorwort
Obwohl dieses Buch die mythischen Schilderungen eines altägyptischen Gottes rekapituliert, ist sein Inhalt - in meinen Augen - von ziemlich aktueller Brisanz. Letztlich geht es bei der Beschäftigung mit dem in der Gestalt des Trickster-Gottes Seth zusammengefassten Phänomen nämlich um die Fragen: Wie gehen wir mit unseren Ängsten um? Stellen wir uns ihnen, verleugnen wir sie oder verwandeln wir sie in eine auf andere, fremde Menschen und Kulturen projizierte Bedrohung? Wie verhalten wir uns dem Fremden in uns selbst gegenüber: unseren verborgenen, dunklen und zerstörerischen Aspekten? Was ist unsere Reaktion auf unvermittelt und gewaltsam eintretende Veränderungen? Wie bewältigen wir Erfahrungen von Krankheit, Tod und Gefahr? Wie reagieren wir auf einstürzende Luftschlösser und zerfallende Illusionen? Wo liegen die Grenzen zwischen Leben und Tod? Und: wo verläuft die Frontlinie zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlichem Konsens? Was ist Wahrheit? Was ist Freiheit? Was ist Glauben?
Selbst eine rein intellektuelle Annäherung an den Neter Seth wirft diese Fragen unmittelbar auf. Dieser erste Band von IO ERBETH - Mythos und Magie des ägyptischen Gottes Seth ist eine rein intellektuelle Annäherung. Sie untersucht und offenbart die wesentlichen mythologischen Motive und Handlungen des Seth im Glauben der alten Ägypter. Die in der Gestalt des Seth verkörperte Energie ist jedoch nicht exklusiv ägyptisch, sie ist konfessionslos. Seth verkörpert in ägyptischem Gewand die rohe, aufbrechende und unaufhaltsame Energie, die mit jeder Veränderung einher bzw. dieser voraus geht. Ob auf kosmischer, sozialer oder persönlicher Ebene: jeder wirklichen Veränderung geht ein wirklicher Zusammenbruch voraus. Diese Energie der mitleidlosen Erneuerung taucht auch in anderen Kulturen und Mythologien als personifizierte Gestalt auf, und es ist höchst interessant zu sehen, wie ähnlich verschiedene Kulturen diese Gestalt charakterisierten hinsichtlich körperlicher, sozialer und energetischer Aspekte. Tezcatlipoca in Mittelamerika und Loki in Nordeuropa sind zwei Beispiele für die auch im ägyptischen Seth personifizierte Gestalt des kosmischen Rebellen, der weit jenseits jugendlicher Revolte stets bereit ist, sich mit dem Kosmos anzulegen. Bei diesen Trickster-Gottheiten handelt es sich um "reife" Götter. Ihre hauptsächliche Funktion besteht darin, die "unreifen" Gemüter mit der Realität des Seins vertraut zu machen. Und um keinerlei Missverständnisse aufkommen zu lassen: die Realität des Seins ist weiblich. Sie umfasst alles: Liebe wie Grausamkeit, Leben wie Tod, Ungerechtigkeit und Hingabe, Zärtlichkeit und Zorn, Vergeltung wie Vergebung. Seth enthüllt die nicht-dualistische, jenseits aller von Männern erdachten Kategorien, einfache und wirkliche Natur des Seins. Seth fuhrt den Mann heran an die Wirklichkeit der Frau und schaut zu, wie dieser dabei seine falschen Hüllen verliert - und seine wahre Natur erkennt. Das hauptsächliche Motiv der Handlungen Seth's ist deshalb Initiation in ihrem wahren, ursprünglichen und ungeschminkten Sinne.
Der vorliegende erste Band von IO ERBETH beschränkt sich auf die Darstellung des Seth in Mythos, Religion und Glauben im vorchristlichen Ägypten. Eine solche ausführliche Darstellung der "mythischen Fakten" scheint mir sinnvoll, da die christlich beeinflusste Geschichtsschreibung, besessen von der dualistischen Idee des "Bösen", monoton die Mär einer ägyptischen Form des "Satan" rezipiert. Das dabei entstandene Bild von Seth als einer Variante des christlichen Teufels entspricht aber weder der Realität seines Ansehens und seiner mythischen Funktion im alten Ägypten noch der in dieser Gottheit verkörperten Energie. Dieser erste Band soll dabei helfen, sich dem Neter Seth intellektuell wieder in seiner ursprünglichen Form nähern zu können. Aus diesem Grund ist der erste Band auch in der (meist) trockenen Sprache einer geisteswissenschaftlichen Abhandlung geschrieben worden. Er soll mythografische Fakten und ein akkurates Bild der Gottheit Seth im alten Ägypten liefern. Nicht mehr. Nicht weniger.
Eine tiefere, persönliche Auseinandersetzung und innige Beschäftigung mit dem Wesen Seth's, die ihren Raum im Folgeband haben wird, sollte m. E. auf der Grundlage eines möglichst authentischen Bildes von Seth im alten Ägypten angegangen werden. Dann wird es leichter fallen, den ursprünglich ägyptischen Kontext hinter sich zu lassen und sich auf das Wesen Seth's in einer metamythischen und direkten Weise einzulassen.
Frank Lerch