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Das Buch der fünf Ringe
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Vorwort

Shinmen Musashi No Kami Fujiwara No Genshin, bekannt als Miyamoto Musashi, lebte von 1584 bis 1645. Ohne zu übertreiben, können wir ihn als den herausragendsten und berühmtesten Schwertkämpfer Japans bezeichnen. Seine Figur, geformt durch überlieferte Geschichten und die Legenden, die sich um ihn ranken, ist die maßgebliche Vorlage für das Bild, das vor unseren Augen Gestalt annimmt, wenn wir heutzutage an den edlen, stolzen, mutigen, kultivierten und kampfgewaltigen japanischen Samurai der beginnenden Neuzeit denken.

Miyamoto Musashi lebte in einer Zeit großer Umwälzungen, in der die führenden Adelshäuser Japans um die Vorherrschaft kämpften. Berühmte Samurais wie Gonosuke, Meister Bokuden, Ganryu (Kojiro) und Miyamoto Musashi machten von sich reden, ihre Taten lieferten den Stoff für Erzählungen und Gerüchte, die die Japaner dieser Kulturepoche, mochten sie dem einfachen Volk oder dem kultivierteren Adel entstammen, gleichermaßen in ihren Bann zogen.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts verewigte Yoshikawa Eiji den Helden in seinem großartigen Epos „Musashi". In jüngerer Zeit gelangte Inoue Takehikos Samurai-Manga „Vagabond", dem Yoshikawa's Roman als Vorlage dient, zu großer Bekanntheit. Auch wird die Geschichte Miyamoto Musashi's in zahlreichen Verfilmungen erzählt, meist angelehnt an Yoshikawa's Roman. Als Beispiel seien hier nur die japanischen Kinofilme Samurai I, Samurai II und Samurai III (Regie von Hiroshi Inagaki, die Hauptrolle gespielt von Toshiro Mifune) genannt.

„Das Buch der fünf Ringe" - Gorin no Sho - schrieb Miyamoto Musashi einige Wochen vor seinem Tod als Resümee seiner lebenslangen Erfahrung mit der Kampfkunst, adressiert an seinen Schüler Teruo Nobuyuki. Den Titel wählte er, um an die Verbindung zwischen den Prinzipien der Kampfeskunst und denen des Zen-Buddhismus zu erinnern.

Wie alle großen Meister der Kampfkunst dachte auch Musashi „Den Weg" als allumfassend und studierte deshalb die Künste und das Handwerk der Menschen. So kam es, dass er sich nicht nur als Schwertkämpfer und Philosoph, sondern ebenso als Maler einen Namen machte - drei seiner Werke wurden in jüngster Zeit für nicht weniger als 50.000 Dollar das Stück zum Verkauf angeboten.

Beschäftigt man sich inhaltlicher mit den Quellen zur japanischen Kunst und Meisterschaft des Schwertkampfes, so erkennt man, dass Musashi keineswegs der einzige berühmte klassische Autor ist, der sich bemüht hat, zur schriftlichen Niederlegung einer umfassenden Lehre des Kampfes und des Tötens beizutragen. Dem interessierten Leser sei deshalb angeraten, sich auch mit den Schriften anderer klassischer Kriegskunstmeister zu beschäftigen. Erst dann wird sich das vielfältige und komplexe Bild umfassender Weisheit seiner Betrachtung vollständig offenbaren.

Es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, das Japanische in eine europäische Sprache zu übersetzen. Deshalb raten wir dem Leser, der des Japanischen nicht mächtig ist, stets mehrere Übersetzungen - wenn er sie versteht, dann auch in andere Sprachen als seine Muttersprache - japanischer Texte zu studieren, um so ein umfassenderes Bild des möglichen Bedeutungsumfanges zu erhalten. Viele Begriffe, wie zum Beispiel der des bushi, des Kriegers, sind einfach nicht adäquat zu über tragen. Der bushido, der Weg des Kriegers, ist mehr als nur Weg oder Kunst. Das Wort enthält auch die Idee von Gelehrsamkeit, Weisheit u.v.a.m. Das Wort „Samurai" bedeutet soviel wie „dem Dienst ergeben" und bezeichnet einen Bushi, der einem Lehnsherrn Treue schwor, während „Ronin" einen herrenlosen Bushi meint. Das Wort „Ronin" erfuhr in späterer Zeit eine negative Konnotation, wurde teilweise sogar mit „Räuber" gleichgesetzt, so dass man den Samurai als Ritter und den Ronin als Strauchritter verstehen könnte. Zu leicht gerät so in Vergessenheit, dass die meisten Ronin sich nicht einfach auf unehrenhafte Weise dazu entschlossen, ihrem Dienstherren zu entsagen, um durch das Land zu streunen, die Gegenden unsicher zu machen und ihren persönlichen Vorteil zu suchen. In den Machtkämpfen der vielen japanischen Adelshäuser untereinander wurden häufig Adelshäuser vernichtet, andere wurden mächtiger, neue entstanden. Die Samurai der vernichteten Häuser wurden herrenlos, ihr Lehnsherr war getötet worden oder hatte sich, um die Schande der Niederlage wettzumachen, selbst getötet. Stöberte das siegreiche Adelshaus versprengte Samurai des vernichteten Hauses auf, tötete man meist auch sie, um ein Wiedererstehen der Macht des unterlegenen Hauses gänzlich zu unterbinden oder auch nur um vereinzelte Racheakte der überlebenden Samurai des geschlagenen Adelshauses zu verhindern. Viele Samurai hielten es auch für ihre Pflicht, ihrem Herrn aus freien Stücken in den Tod zu folgen. Aber nicht alle sahen die Angelegenheit so. Sie wurden herrenlose Samurai, Ronin, die keinem Adelshaus angehörten. Sie zogen durch die Lande und mussten nach Betätigungen suchen, die sie ernährten, nicht selten Plünderung und Raub, ebenso wie wir es zum Beispiel auch von der Soldateska im dreißigjährigen Krieg kennen. Einige Ronin führten ihr herrenloses Dasein bis zu ihrem Ende weiter, einige wenige entsagten dem Kriegshandwerk und wurden als Gelehrte, Handwerker oder Dienstleistende sesshaft, andere wiederum konnten einem neuen Lehnsherren den Eid leisten, meist um gleich darauf wieder in einen weiteren Krieg mit einem anderen Adelshaus zu ziehen.

Die Lehren des Gorin no Sho können von jedem angewendet werden, versteht er sich nun als Schwertkämpfer oder allgemeiner als Kampfesschüler oder Kriegsgelehrten oder Strategen (bushi) oder spezieller, hinsichtlich gewisser moralischer oder traditioneller Aspekte, als Samurai oder Ronin. Deshalb haben wir uns dafür entschieden, den Anwender der Regeln des Gorin no Sho ganz grundsätzlich als „Krieger" zu bezeichnen und das besprochene Thema als „Kriegskunst".

Wer jüngst den Film „Der letzte Samurai" sah, begreift, dass vor allem ein hochgeschätzter Ehrbegriff den Bushi, ja das Wesen selbst, welches aus japanischer Tradition und Kultur erwachsen ist, auszeichnet, und mit Tom Cruise möchte man ausrufen: „I can't think of something more necessary!" Einen solchen Ehrbegriff finden wir in unserer Kultur allenfalls vom Idealbild des Ritters der Tafelrunde vertreten, ansonsten ist derartiges Denken dem Europäer eher fremd. Da das Fremde immer fasziniert, hoffen wir, mit diesem Buch vielleicht auch ein klein wenig zu jenem Perfektionsdenken beitragen zu können, das den wahren Lebens-Künstler und -Meister immer auszeichnet.

Japan in der Zeit Musashis

Die Japaner des Jahres 1584 lebten in bewegten Zeiten. Vier Jahrhunderte interner Querelen hatten das Land in große Probleme gestürzt, Führer und Volk sehnten sich nach einer Zeit des Friedens.

Im zwölften Jahrhundert war die mächtige Regentschaft des Kaisertums beendet worden, wenngleich es auch danach noch eine gewisse Macht behielt. Der Kaiser galt als Symbol der Ehre des Landes und der Samurai. Doch die wahre Macht ging von den Landesfürsten aus. Nur noch durch sein Veto, welches auf umständliche Weise nach ausgefeiltem Ritual hervorgebracht wurde, konnte der Kaiser direkten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Seit diesem Umschwung lag das Land im kontinuierlichen Bürgerkrieg, in dem sich Provinzfürsten, Kriegermönche, Briganten, Ronin und anderes Kriegsvolk ständig untereinander Schlachten und Scharmützel lieferten.

Die Fürsten, welche man „Daimyos" nannte, erbauten sich im 15. und 16. Jahrhundert gewaltige Steinfestungen. Während ihrer Herschafft, welche sie nicht selten absolut und brutal über das Volk ausübten, wuchsen im Schutz der Wälle kleine Städte heran. Doch die stetigen kleinen und großen Kriege zwischen den Daimyos beschränkten den Handel und den Wohlstand. Ehre, obwohl in aller Munde, verlor ihre wahre Bedeutung - ein Umstand, auf den Musashi häufig hinwies und der auch in dem später Epoche machenden Werk „Hagakure" von Yamamoto Tsunenori massive Kritik erfuhr.

Der Daimyo, dem es gelang, die absolute Macht an sich zu reißen, nannte sich „Shogun". Häufig wurde sein Machtanspruch von anderen Daimyos nur formell anerkannt und im Rahmen der Ehrrituale angefochten. Der erste Landesfürst, der diesen Titel nachhaltig für sich zu erringen vermochte, war Oda Nobunaga, im Jahre 1573. Nobunaga war ein Militärdiktator im wahrsten Sinne des Wortes und für neun Jahre gelang es ihm, den größten Teil Japans zu kontrollieren.

Doch im Jahr 1582 wurde Nobunaga ermordet und ein Gemeiner übernahm die Regentschaft. Es ist nicht allgemein bekannt, doch der Status des Samurai, ja sogar der eines mächtigen Daimyo, war trotz des strengen Kastensystems Japans nicht an das Geburtsrecht geknüpft. Geld, Politik und Protektorat konnten auch einem Bauern in eine solche Stellung verhelfen.

Toyotomi Hideyoshi war dieser Gemeine, der nun nachfolgte und sich in der Tradition des alten Shogun um die Vereinigung des Landes bemühte und der versuchte, jeden Aufstand niederzuschlagen. Zu jener Zeit war das Kastensystem aufgeweicht. Die alt überlieferte Regel, dass das gemeine Volk keine Schwerter besitzen darf, war in den vielen kämpferischen Auseinandersetzungen einem eher praktischen Denken gewichen. Und eben dieser gemeingebürtige Hideyoshi war es, der dafür sorgte, dass die alte Regel wieder voll in Kraft gesetzt wurde. Seine Motive hierfür lagen wohl weniger in Traditionsbewusstsein oder Philosophie begründet. Es ging ihm mit Sicherheit hauptsächlich darum, seine Machtposition zu stärken, indem er das Aufstellen großer Bauernheere erschwerte und das Land, dadurch dass nun nicht mehr jeder Hergelaufene mit tödlichen Waffen durch die Gegend ziehen durfte, sicherer machte. Wie auch immer, nun sollten Samurai und nur Samurai Langschwerter tragen dürfen. Wurde ein Gemeiner mit einem solchen Schwert erwischt, kostete ihn dies das Leben. Das Langschwert wurde zum Symbol eines besonderen Adels: Des Rechts des Samurai über das Leben eines Gemeinen.

Hideyoshi sind seine Bemühungen zur Vereinigung Japans sicher hoch anzurechnen, doch ganz gelang ihm dies nie. Erst der große Tokugawa Ieyasu, der 1603 Shogun des Landes wurde, vervollständigte sein Werk. Die Schlacht, die über Tokugawas Machtposition entschied, ist weltweit berühmt geworden: die Schlacht von Sekigahara (Seki ga Hara). Eiji Yoshikawa lässt seinen Roman „Musashi" dort beginnen, auf dem Schlachtfeld Sekigaharas, wo unser Held und sein bester Freund Matahachi, zur unterlegenen Streitmacht gehörend, nach dem Kampf erwachen.

In Edo, dem heutigen Tokyo, errichtete Ieyasu ein großes Schloss, von welchem aus er über das gesamte Land herrschte.

Sekigahara hatte über den ewigen Krieg entschieden. Im gesamten Land kehrte Frieden ein und als Ieyasu im Jahr 1616 starb, gingen das Recht auf Titel und Amt des „Shogun", das „Shogunat", erblich auf seine Familie über. Die Leistung I eyasus wird besonders im Hinblick darauf deutlich, dass der damalige japanische Ehrbegriff den Wunsch und das Recht auf Machterlangung einschloss und dennoch der von ihm geschaffene Friede bis 1868 anhielt. Ieyasu hatte sich besonderer Tricks bedient: Er zwang alle Fürsten dazu, immer wieder über lange Perioden hinweg persönlich in Edo, dem Zentrum seiner Macht, zu wohnen. Dort, in seinem direkten Zugriff, waren sie eher Geiseln denn Herrscher und all ihre Heere und Burgen nützten ihnen in Edo nicht, wenn es darum ging ihr Leben zu schützen. Über den direkten Kontakt schuf Ieyasu mächtige Allianzen, welche die ihn unterstützenden Fürsten mit Geld und Ländereien entlohnten. Damit nicht Komplotte seine Arbeit unterminierten, etablierte Ieyasu ein mächtiges Netzwerk aus Geheimpolizei und Auftragsmördern, um diejenigen zu kontrollieren, denen er nicht traute. Man muss verstehen, dass dies für einen Japaner der damaligen Zeit im Grunde bedeutete: Alle. Es gab ein Sprichwort: „Der Mensch hat drei Seelen: eine für seine Feinde, eine für seine Freunde und eine, die nur ihm selbst gehört." Die Art dieses Denkens ist besonders prächtig von James Clavell in seinem herrlichen Roman „Shogun" in der Figur des „Toranaga" dargestellt, wo wir Toranagas kompliziertem Denken, Tricks in Tricks verborgen, folgen und erkennen, dass er nicht einmal seinen Söhnen oder seinen engsten Vertrauten völligen Einblick in seine Pläne gewährt.

Mit Tokugawa begannen große Veränderungen im japanischen Kastensystem. Alles wurde kontrolliert: Bildung, Regierung, Kasten und damit auch Kleidung und sozialer Umgang der Kasten untereinander. Das alte eher fließende System wurde starr.

Es gab vier traditionelle Kasten: Samurai, Bauern, Künstler und Händler. Die Samurai galten als die höchste Kaste, auch wenn das nicht unbedingt Wohlstand bedeutete. Zu ihnen zählten Fürsten, Bürokraten, Krieger, untergeordnete Offiziere und auch Fußsoldaten. Es mag überraschen, dass die Bauern zur zweiten Kaste gehörten, doch wenn man sich verdeutlicht, wie klein Japan und wie gering die nutzbare Ackerfläche ist, wird ihre Bedeutung für das Land offenbar. Sie kümmerten sich um den kostbaren Reis, doch unter dem Druck der Landesfürsten hatten sie große Teile hiervon als Steuern abzugeben. Die nächste Kaste waren die Künstler und Handwerker und am Schluss der Kastenhierarchie findet man die Händler, auf die alle herabsahen, obwohl selbst die größten Fürsten auf deren Wohlstand und damit auf ihre Unterstützung angewiesen waren. „Ein schmutziger Händler" war ein bekanntes Schimpfwort. Nach Geld zu streben oder sich überhaupt mit Geld befassen zu müssen, galt dem Samurai als ehrlos, es sei denn, Politik und Macht waren hiermit verbunden. Im mitteleuropäischen Europa finden wir eine ähnliche Feme den Juden betreffend - ein Begriff, der häufig mit „Geldverleiher" gleichgesetzt wurde.

Musashi war Samurai und praktizierte den Weg des „Kendo" (Weg des Schwertes), dies galt in jener Zeit gleichbedeutend mit Adel. Er gehörte zur Elite, auch wenn er weder Land noch Geld besaß. Und da er keine Anstellung bei einem Fürsten annahm, nannte man ihn einen „Ronin", und gleich vielen anderen Ronin verbrachte er einen Großteil seines Lebens damit, Kendo zu studieren und zu praktizieren.

Musashis Weg und seine berühmtesten Zweikämpfe

Sein vollständiger Name lautete: Shinmen Musashi No Kami Fujiwara No Genshin. Geboren wurde er 1584 in einem kleinen Dorf mit dem Namen „Miyamoto" in der Provinz Mimasaka.

Seine Mutter nannte ihn „Ben No Suke", dies war der Name seiner Kindheit, doch berühmt wurde er unter dem Namen:

Miyamoto Musashi.

Die Bezeichnung „no kami" kennzeichnet seine edle Abstammung. Der Vater Musashis, Munisai, war Samurai und entstammte dem altehrwürdigen Adelsgeschlecht der Harima.

Der Name „Musashi" bezeichnet eine Gegend südwestlich von Tokyo, welches zu Lebzeiten Musashis „Edo" hieß. Zu „Fujiwara" ist zu sagen, dass es sich hierbei um einen alten adligen und mächtigen Clan handelt.

Der kleine Ben No Suke verlor seine Eltern früh. Der Vater verließ Mutter und Kind, Musashis Mutter starb, als er noch sehr jung war. Ben No Suke wurde der Obhut eines Onkels und eines Priesters übergeben, und so wuchs die kleine Waise in einer Zeit der Vereinigung der japanischen Häuser unter Hideyoshi ohne Vater und Mutter auf.

Schon früh zeigte sich sein starker unabhängiger Geist. Ben No Suke war groß für sein Alter, sehr kräftig und von unbändigem Charakter, der ihn schon früh in Schwierigkeiten brachte. Mit dreizehn Jahren erschlug er einen Samurai (Arima Kihei) im Streit, was ihn dazu zwang, seine Heimat zu verlassen. Arima Kihei war kein einfacher Ronin und erfahren im Umgang mit Speer und Schwert, doch der junge Ben No Suke führte einen einzigen Schlag mit einem Stock gegen seinen Kopf aus und Kihei verblutete.

Mit sechzehn Jahren schlug er den Samurai Tadashima Akiyama und von da an bis in das Alter von Fünfzig zog Musashi, gleich vielen anderen Ronin, meist allein über Land, auf der Suche nach der Erlangung der Schwertmeisterschaft. Es waren unruhige Zeiten. In der Schlacht um Sekigahara hatten viele Samurai ihr Haus und damit ihre Ehre verloren. Das Land war von Ronin überflutet, die sich teilweise als Schwertkämpfer, teilweise als gemeine Räuber ihren Lebensunterhalt verdienten.

Dass Musashi bereits früh Berühmtheit erlangte, ist ausschließlich ihm selbst zuzuschreiben: seiner ungewöhnlichen Art zu kämpfen, seinem starken Willen, seiner inhaltlichen Suche und seiner strikten Verweigerung, sich irgendwelchen Regeln zu beugen - seien es solche großer Häuser, seien es solche des Benimms, seien es solche des Schwertkampfes selbst. Er hatte erkannt, dass zu siegen bedeutet, sich nicht einzuschränken, und dass sich nicht einzuschränken heißt, den eigenen Willen einer außerordentlichen Zucht zu unterziehen, damit nicht Vorlieben den Erfolg stören. Dies mag paradox klingen, doch in allen mönchischen Lehren, ob christlich, taoistisch, hinduistisch oder buddhistisch, ist bekannt, dass Freiheit nur über Selbstkontrolle zu erlangen ist, wie umgekehrt sinnvolle Selbstkontrolle nur auf dem Wege der Selbstbefreiung entwickelt werden kann.

Für Musashi war der Weg des Schwertes der Weg der Erleuchtung, und so lebte er abseits der Gesellschaft, teilweise wegen seiner ungewöhnlichen Art als Geächteter, immer auf der Suche nach Vollendung in der Kunst des Schwertkampfes und nach Erfüllung auf dem Wege Buddhas. Viele Ronin edler Abstammung suchten Anschluss an große Schwertkampfschulen - nicht so Musashi. Er verweigerte Körperpflege, Bequemlichkeit, Frau und Kind und den Anschluss an Haus und Schule. Seine Kampf- und Lerngefährten waren Wind und Wetter, Einsamkeit, Kälte, Hunger und Durst, die Kami (Geister) der Natur, das Leben selbst.

Mit einundzwanzig Jahren wanderte er nach seiner Beteiligung an der fürchterlichen Schlacht von Sekigahara nach Kyoto, wo er sich auf eine Fehde mit einem der mächtigen Schwertkämpferhäuser, der Schule „Yoshioka", einließ. Diese Fehde sollte das Schicksal dieser Schule für immer besiegeln:

Indem er mehrere Schüler besiegte - einige verletze er, einige schlug er zu Krüppeln, andere tötete er - zwang Musashi das Oberhaupt der Yoshioka, Seijuro, um die Ehre der Schule wiederherzustellen, im Zweikampf gegen ihn anzutreten. Musashi besiegte Seijuro ohne große Schwierigkeiten - Seijuro mit einem Stahlschwert bewaffnet und er, Musashi, mit einem Holzschwert. Seijuro musste blutend auf einer Trage nach Hause gebracht werden und schnitt sich dort von Schande gebrochen den Haarknoten ab.

Denshichiro, der jüngere Bruder Seijuros, konnte diese Schmach nicht erdulden und forderte Musashi zum Kampf. Das Ergebnis: Mit einem einzigen Schlag seines Holzschwertes brach Musashi Denshichiro den Schädel, der tot zu Boden ging. Es kam zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Hause Yoshioka, als die Schüler Denshichiros den Sohn Seijuros, Hanshichiro, dazu überredeten, Musashi mit ihnen gemeinsam herauszufordern. Musashi nahm die Herausforderung an, obwohl er wusste, dass sie nur beabsichtigten, ihn in einen Hinterhalt zu locken, um ihn zu töten. Wie ein Geist erschien er mitten unter den Kämpfern der Schule. Trotz ihrer großen Überzahl richtete er ein Massaker unter ihnen an und erschlug, um der Sache entschieden ein Ende zu bereiten, den letzten männlichen Erben der Schule Yoshiaka, den Knaben Hanshichiro. Daraufhin gelang Musashi die Flucht.

Von dieser Schlacht an wurde Musashi zur lebenden Legende. Noch bevor er neunundzwanzig Jahre alt war, hatte er über sechzig Kämpfe ausgefochten, von denen viele dokumentiert wurden.

1605 besuchte er den im Süden der Hauptstadt gelegenen berühmten Hozoin-Tempel der Nichiren-Sekte, die von dem Zen-Priester und Kämpfer Hoin Inei gegründet worden war. Hoin Inei unterrichtete dort Schüler im Kampf mit allen gängigen Waffen und im Zen. Er erlangte wegen seine Weisheit und Güte wie auch wegen seiner kämpferischen Fähigkeiten im ganzen Lande Ruhm. Musashi forderte den besten Kämpfer der Priester-Schule, Oku Hozoin, ein fürchterlicher Gegner, vor allem im Speerkampf, zum Kampf mit dem Speer gegen sein Holzschwert heraus. Und Oku Hozoin verlor gleich zweimal gegen Musashis ungewöhnliche Kampfkunst. Musashi blieb einige Zeit in dem Tempel, studierte die Kunst des Hoin Inei und genoss dort lange Gespräche über Zen und die Kunst des Schwertkampfes mit den Priestern.

Nachdem der junge Musashi den Tempel verlassen hatte, stieß er in der Provinz Iga auf den herausragenden und heute noch für seine Sichel- und Kettentechnik berühmten Shishido Baikin, der ihn in einem Kampf mit dem Messer verletzte. Als die Schüler Baikins sahen, dass Musashi verletzt war, versuchten sie, ihn ebenfalls anzugreifen, doch Musashi zerstreute sie und entkam.

Das nächste erwähnenswerte Zusammentreffen Musashis mit einem bemerkenswerten Krieger war das mit Muso Gonosuke, der Musashi in Edo um einen Zweikampf bat. Gonosuke griff ihn mächtig an, doch Musashi erteilte ihm einen starken Schlag mit der Breitseite seines Schwertes auf den Kopf und Gonosuke floh.

Zu jener Zeit war es üblich, dass ein Ronin, wenn er einen Zweikampf mit einem der Gefolgsmänner eines Fürsten wünschte, den Fürsten um die Erlaubnis bat, diesen herausfordern zu dürfen. Es begab sich in der Izumo-Provinz, dass Musashi den Fürsten Matsudaira besuchte. Musashi wollte seine Techniken gegen die Kunst des Kendo erproben und erbat die Erlaubnis, einen der Männer des Fürsten herauszufordern. Der Fürst gewährte die Erlaubnis mit Freuden und Musashi schlug den Kämpfer des Fürsten, der einen acht Fuß langen Kendo-Stab führte, mittels seiner hier zum ersten Mal erwähnten Zwei-Schwerter-Technik. Nach diesem Kampf im Garten des Fürsten gab es eine Überraschung: Fürst Matsudaira ersuchte Musashi selbst um einen Zweikampf. Musashi drängte den Fürsten die Stufen des Gartens hinauf und zerbrach, seinen „Schnitt von Feuer und Stein" anwendend, das Schwert des Fürsten in zwei Teile. Woraufhin dieser sich in Ehrfurcht vor dem großen Kämpfer verneigte und ihn anschließend darum bat, eine Weile als sein Lehrer bei ihm zu bleiben, was Musashi gern tat.

Der bekannteste Zweikampf, den Musashi je focht, war wohl der gegen Sasaki Kojiro und sein berühmtes Schwert „Die Trockenstange". Sasaki Kojiro hatte sich mit dem von ihm entwickelten „Schwalbenschlag" einen Namen gemacht, durch welchen er mit einem einzigen leichten Hieb winzige, aber tödliche Arterienverletzungen herbeiführen konnte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Kojiro und Musashi aufeinander treffen sollten, galten sie doch unter den Leuten und auch für sich selbst, von der Zeit da beide zu Berühmtheit gelangten an, als gefährliche Opponenten.

Das Zusammentreffen fand 1612 mit Genehmigung des Fürsten der Provinz Bunzen, Hosokawa Tadaoki, statt, unter welchem Kojiro diente.

In der Frühe, um Acht Uhr morgens, sollten Musashi und Kojiro auf einer kleinen Insel, ein paar Meilen vor Ogura gelegen, aufeinandertreffen. Musashi hatte die Nacht bei einem Freund und Förderer, dem Künstler Kobayashi Taro Zaemon, verbracht. Das trug ihm das Gerücht ein, er fürchte sich vor Kojiro und sei vor ihm geflohen. Musashi, ruhig und ausgeglichen, wie man es von ihm kannte, verschlief und erschien zu spät. Auf seiner Bootsfahrt zur Insel fertigte er sich Papierleinen an, um, wie es üblich war, mit ihnen die ârmel seines Kimonos zurück zu binden, und schnitzte sich danach aus einem kräftigen Ast, den er zuvor an Land gefunden hatte, ein Holzschwert. Den Rest der Bootsfahrt schlief der junge Kämpfer.

Musashi muss für Kojiro, der für seine Gepflegtheit und sein vornehmes Gebaren bekannt war, eine seltsame Erscheinung gewesen sein, mit seinem ungekämmten Haar, das er sich mit einem Handtuch hochgebunden hatte, seinem abgetragenen Kimono und seinem rohen Holzschwert. Die Opponenten standen einander gegenüber, Musashi mit blank gezogenem Schwert. Kojiro zog seine „Trockenstange" aus der Scheide und warf dann die Scheide beiseite. Musashis Worte zu diesem Handeln sind wohl bekannt: „Das hättet Ihr nicht tun sollen", die später auch als „Ihr habt bereits verloren" gedeutet wurden. Kojiro holte zum Schlag aus und trennte Musashis Haarknoten ab und ... ging zu Boden. Musashi hatte ihm mit einem einzigen Schlag mit der Schneide seines Holzschwertes den Schädel zertrümmert. Musashi verbeugte sich vor den Offizieren des Kojiro und verschwand. Einige behaupteten später, er habe mit seinen beiden anderen Schwertern nach dem fallenden Kojiro geschlagen, doch das ist wohl nur ein Gerücht.

Von diesem Zeitpunkt an hörte Musashi damit auf, echte Schwerter in Zweikämpfen einzusetzen. Er galt als unbesiegbar. Er hatte den größten seiner Gegner übertroffen. Von nun an widmete er sich dem Perfekten Weg Des Kriegers, dem Verstehen des Weges des Kendo.

Im Alter zwischen fünfzig und einundfünfzig Jahren beanspruchte er für sich, die vollkommene Kenntnis der Strategien der Kriegskunst zu besitzen. Er und sein Adoptivsohn Iori zogen 1634 nach Ogura, und Musashi sollte von da ab die Insel Kyushu nicht wieder verlassen. Nachdem er sechs Jahre in Ogura gelebt hatte, wurde Musashi von Churi, dem Fürsten der Burg Kumamoto, als Gast eingeladen. Er blieb einige Jahre und verbrachte seine Zeit mit Unterrichten und Malen.

1643 zieht sich Musashi, um ein Leben in Abgeschiedenheit zu führen, in die Höhle „Reigendo" zurück. Hier diktierte Miyamoto Musashi einige Wochen vor seinem Todestag, dem 19. Mai 1645, adressiert an seinen Schüler Teruo Nobuyuki, dieses "Buch der fünf Ringe" - das Gorin no Sho. Und bis in die heutige Zeit bleibt es als eines der größten Bücher über die Kunst des Schwertkampfes bekannt. Es begründete den Stil des „Kämpfern mit zwei Schwertern".

Egenhausen im Dezember 2006


 
   


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