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"I can see now"
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VORBEMERKUNG

Der bloße Umfang dieser kleinen Schrift belehrt den Ratsuchenden, dass er hier keine Motivgeschichte des Blinden oder der Blindheit im Kino finden wird. Zwar wird ein gutes Dutzend Filme betrachtet, in welchen das Motiv eine Haupt oder Nebenrolle spielt, doch zeigt sich beiläufig, wie viel mehr es von ihnen gibt; nach meiner Schätzung sind es, Dokumentationen nicht mitgezählt, mehrere Hundert Filme, in denen Blindheit bedeutsam wird, darunter klassische Werke ebenso wie Hor ror-B-Movies und Fernsehserien.

Bei der Auswahl der Beispiele habe ich mich allein dafür interessiert, ob sie das mit dem Thema verbundene ästhetische Problem zum Ausdruck bringen. Es lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Blindheit fordert eine Kunst heraus, die glaubt, sehen zu können.

Diese Kunst, das Kino, hat sehr früh und nicht selten nervös auf die Herausforderung reagiert. Eine Kunst, die das Sehen setzt, entsetzt sich über diejenigen, die nicht sehen können. Dabei geht es lediglich am Rande um das Schicksal des Blinden, das nur eines unter den vielen ist, von denen das Kino erzählt. Ginge es nämlich allein darum, müsste das Kino für ausbeuterisch und abgeschmackt gehalten werden. Der Blinde im Film ist nicht selten ein Bote des Unheils und ein Bild des Jammers. Die Blinde ist ein Engel und eine fügsame Frau. Aber schon in diesen Figuren zeigt sich Blindheit nicht so sehr als ein körperlicher Zustand denn als moralische Haltung. Und wie alle Moral im Drama kennt auch die Blindheit ihre Peripetie. Nicht nur verlieren Protagonisten das Augenlicht, sondern sie erlangen es auch auf wundersame Weise wieder. Was für einen melodramatischen Kniff gehalten werden könnte, ist zugleich ein Wink, wie Blindheit hier aufzufassen ist. Nicht das Schicksal des Blinden, nicht die Blindheit an sich, sondern ihr Verhältnis zum Sehen interessiert das Kino.

In der Figur des Blinden denkt das Kino über sich selbst nach. Seine oft für allzu selbstverständlich gehaltenen ontologischen Voraussetzungen, die Behauptung, es blicke, ja, es könne das Sehen lehren, die Rede von der Kamera als von einem Auge, all das steht in der Figur des Blinden und der Blindheit auf der Probe oder zumindest zur Debatte.

Dass Blindheit ein Thema der bildenden Kunst sein kann, sein muss, fiel mir zuerst an den Fotografien von Annette Kisling auf (»Quartier«, Berlin 2007). Eine erste und weniger als halb so lange Fassung des vorliegenden Textes erschien in der Wochenzeitung-Jungle World (24/2007), einen Auszug daraus habe ich unter dem Titel »Der blinde Boxer« in dem Online-Boxmagazin In den Seilen (15/2007) veröffentlicht.

Für die Aufnahme meines Buches in ihre Schriftenreihe Filit und für ihre freundliche und umsichtige Unterstützung meiner Recherchen danke ich Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen von der Deutschen Kinemathek in Berlin. Petra Bail, Volker Pantenburg, Friederike Schaefer und Geraldine Spiekermann waren mir mit Hinweisen oder bei der Beschaffung der Filme behilflich. Wie mit allem, was ich schreibe, stehe ich auch mit diesem Buch in der Schuld meines Lehrers, Uwe Nettelbeck.

Berlin, im Juli 2008, S.R.


 
   


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