Vorwort
"Daddy + Boy" - klingt dieser Titel zu flapsig, zu klischeehaft oder zu unseriös? Diese Frage habe ich mir und Freunden immer wieder gestellt, während ich an diesem Buch gearbeitet habe. Letztendlich kam dabei immer die gleiche Antwort heraus. Ja. Der Titel ist flapsig. Und er ist ein bisschen klischeehaft. Aber die Frage nach der Seriosität stellt sich doch eigentlich nur, weil man sich bei dem Thema Altersunterschied so unheimlich schnell verspannt. Man meint, besonders ernsthaft damit umgehen zu müssen, um niemandem zu nahe zu treten. Und man will den üblichen Vorurteilen nicht durch die falsche Wortwahl Zucker geben. Diese übertriebene Vorsicht ist es aber auch, die die Liebe zwischen Jung und Alt zum Tabuthema macht. Nun war es mein erklärtes Ziel, diesen Tabu-Status aufzubrechen. Also habe ich mich erstmal selbst entspannt - und damit beim Titel angefangen, der (ob flapsig oder nicht) den Nagel auf den Kopf trifft. Der "Daddy" ist in der Szene schon lange ein Synonym für eine ältere Generation von Schwulen, die es nicht nötig hat, in den sexuellen Ruhestand abzutauchen, während der "Boy" als Stellvertreter der jüngeren Garde dem ewigen Homo-Ideal entspricht.
Was passiert, wenn diese beiden Prototypen sich zusammen tun? Die Paare und Fachkundigen mit denen ich im Rahmen meiner Recherchen gesprochen habe, zeigen, dass der Schulterschluss zwischen den Generationen allen Moralisten und Zweiflern zum Trotz klappen kann. Ihre Erzählungen geben Einblicke in eine spannende Welt, die viel über die Verständigung zwischen den Generationen aussagt, aber auch über die Funktionalität von Beziehungen im Allgemeinen.
Ich werde die Probleme, die schwulen Beziehungen mit großem Altersunterschied innewohnen, nicht ignorieren. Aber ich möchte sie auch nicht kultivieren. Die Lektüre dieses Buches wird zeigen: Probleme macht man sich häufig selbst. Das heißt: Man kann sie auch selbst lösen. Die Vorurteile sitzen ja nicht nur in den Köpfen der Allgemeinheit, sondern auch in den Köpfen der Betroffenen. Auch sie sind zumeist mit gesellschaftlichen Normen aufgewachsen, denen generationsübergreifende Liebesbeziehungen nicht entsprechen. Aber sie haben es geschafft sich über diese Normen hinwegzusetzen. Und wenn sie es geschafft haben, warum sollte das der Rest der Gesellschaft nicht auch können? Ich würde mich freuen, wenn dieses Buch dazu beitragen kann.
Christian Lütjens, Januar 2009